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Wie dein Smartphone Indonesiens Paradiese zerstört: Die Zinninseln Bangka-Belitung

von Gunda Wörlein

Wusstest du, dass dein Smartphone, Tablet oder Notebook mit großer Wahrscheinlichkeit Zinn aus Indonesien enthält? Und zwar aus der Region Bangka-Belitung, zwei paradiesische Inseln im Osten von Sumatra.

Wie es in dein Handy kommt, welche verheerenden Folgen der Zinnabbau in Indonesien hat und was du dagegen tun kannst, erfährst du in diesem Artikel!

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Wofür wird Zinn verwendet?

Zinn ist ein silberweißes Metall, das u. a. als Schutzschicht für witterungsanfällige Materialien wie Konservendosen verwendet wird.

Außerdem findet es in der chemischen Industrie oder der Herstellung von Glas und wetterbeständigen Beschichtungen Anwendung.

Heißbegehrt ist der Rohstoff jedoch als Lötzinn in der IT-Industrie. Erkennbar an den silbrigen Ansatzstellen in Smartphones, Tablets und Laptops, hält er dank seiner niedrigen Schmelztemperatur jedes kleine Bauteil an der Leiterplatte fest.

Laut einem Bericht von Südwind, dem Institut für Ökonomie und Ökumene, enthält jedes Smartphone rund 0,64 Gramm Zinn.

Wo kommt Zinn her?

Zinn wird aus dem Mineral Kassiterit gewonnen, das in festem Gestein oder Sand- und Kies-Sedimenten vorkommt.

Die Hälfte der weltweiten Zinn-Produktion kommt aus China. Diese wird jedoch hauptsächlich für den eigenen Markt verwendet.

Hauptexporteur von Zinn ist daher Indonesien, das für ein Viertel – ohne China wäre es die Hälfte – der Weltproduktion verantwortlich ist.

Im Jahr 2019 hat Indonesien ganze 80.000 Tonnen Zinn exportiert.

Hauptexporteur von Zinn ist Indonesien, das für ein Viertel der Weltproduktion verantwortlich ist.

Wo in Indonesien wird Zinn gefördert?

Bangka und Belitung sind zwei paradiesische Inseln östlich von Sumatra, die für ihre traumhaften Strände bekannt sind: weißer Sand, Kokospalmen und türkises Wasser. Belitung wird auch als die Seychellen von Indonesien bezeichnet.

Doch die Region ist Teil des „Tin Belt“, ein Gebiet in Südostasien, das eines der größten Zinnvorkommen der Erde beherbergt. Als Erzader Indonesiens lockt es Arbeiter aus allen Ecken des Inselstaats an.

Ganze 90 % des gesamten indonesischen Zinns kommen von den „Zinninseln“ Bangka-Belitung. Der Zinnabbau trägt 60 % zur Wirtschaft in der Region bei. Weder Landwirtschaft noch Fischerei können dabei mithalten.

Der Zinnsand ist überall auf Bangka zu finden und mehr oder weniger tief unter der Oberfläche begraben. Nachdem zahlreiche Bergbaukonzerne die Vorkommen an Land bereits ausgeschöpft haben, wird mittlerweile nach weiteren Zinnadern gesucht – und zwar unter Wasser.

Aktuell gibt es in der Region 1.075 Minenkonzessionen und tausende weitere illegale Minen. Einige Arbeiter schließen sich Firmen wie PT Timah an, andere wiederum – meist ehemalige Fischer oder Farmer – fördern das Zinn auf eigene Faust.

Mittlerweile sind die paradiesischen Inseln von Flößen, Booten und Saugbaggern umzingelt. Das natürliche Erzvorkommen der Region ist zugleich ihr Fluch – statt der Weite des Meeres tummeln sich nun die schwimmenden Minen vor Bangka.

Willy Kurniawan hat die kleinen Bergwerke zur See in einer Foto-Serie festgehalten.

Ca. 90% des gesamten indonesischen Zinns kommt von den „Zinninseln“ Bangka-Belitung.

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Belitung ist auch als die Seychellen von Indonesien bekannt – Foto: Alfiano Sutianto

Wie wird Zinn gefördert?

Um an Land an das wertvolle Kassiterit zu gelangen, werden bis zu 15 Meter tiefe Gruben gegraben. Dabei stoßen lange Bohrstangen ins Erdinnere vor und eine Pumpe pumpt den wertvollen Sand nach oben. Anschließend wird die schwarze Sandmasse gewaschen, bis nur noch das Zinnerz übrigbleibt.

Im Meer verläuft der Prozess ähnlich ab. Riesige Fabrikschiffe und kleine Boote baggern den Meeresboden um und saugen den Sand aus dem türkisblauen Wasser. Nach dem Auswaschen werden nicht brauchbare Sedimente, Schlamm und Schlick wieder zurück ins Meer geschleudert. Dabei kann ein einzelner Saugbagger täglich bis zu 50 Kilo Zinn abbauen.

Das Zinnerz wird in Säcken gewogen und an Händler verkauft, die diese wiederum an Gießereien weiterverkaufen. Minenarbeiter erhalten je nach Qualität 4 bis 6 US-Dollar pro Kilo – ein Preis, der sich sehen lassen kann. Ein Händler auf Bangka kauft im Schnitt 2 Tonnen pro Monat.

Das Geschäft mit dem Zinn ist für Arbeiter also sehr lukrativ. Täglich können sie bis zu 10 Kilo Zinn fördern. Für eine Menge von 60 Kilo erhalten sie rund 300 Euro – ein durchschnittlicher Monatslohn in Indonesien. Nicht selten sind daher ganze Familien in die Arbeit involviert.

Was sind die Folgen des Zinnabbaus?

Der Zinnabbau in Indonesien hat verheerende Auswirkungen für Mensch und Umwelt.

Umwelt und Natur

Wo einst grüne Regenwälder und Felder die Oberfläche von den Inseln bedeckten, ist mittlerweile mehr als die Hälfte von zerklüfteten Kraterlandschaften übersät. Mindestens 65 % der Wälder wurden gerodet und ihre Böden geebnet, geflutet und in Schlammteiche verwandelt.

Sind die Minenarbeiter mit ihrer Arbeit fertig, hinterlassen sie eine unfruchtbare Mondlandschaft. Pflanzen haben Schwierigkeiten zu wachsen, in Flüssen tummeln sich keine Fische mehr und in den Gruben sammelt sich das Wasser – eine Brutstätte für Malaria- und Dengue-Mücken.

Durch den Tagebau nimmt die Radioaktivität der Böden zu, das Trinkwasser wird knapp und Familien können ihre Felder nicht mehr bestellen. Die Region wird anfällig für Überschwemmungen, Dürren und andere Naturkatastrophen.

Mindestens 65 % der Wälder von Bangka wurden bereits gerodet.

Unfälle und Kinderarbeit

Meist haben selbstständige Minenarbeiter an Land nicht die nötigen Maschinen, um ihre Gruben zu stabilisieren. Immer wieder werden Menschen in ihnen verschüttet – besonders gefährlich ist es, wenn es regnet. Es gibt keine offizielle Statistik bezüglich der Zahlen, doch geschätzt lassen jedes Jahr 100 bis 150 Menschen ihr Leben beim Abbau von Zinn in Indonesien.

Auch die Arbeit im Wasser birgt Gefahren mit sich. Auf kleinen Booten hat meist jede Crew einen eigenen Taucher, der, nur mit einem Schlauch ausgestattet, mehrere Stunden in einer Tiefe von 12 Metern ausharrt. Auch sie setzen sich dem Risiko aus, vom Sand verschüttet zu werden oder einen Dekompressionsunfall zu erleiden.

Nicht selten folgen Kinder ihren Eltern, um in Minen zu arbeiten. Sie brechen vorzeitig die Schule ab und hoffen, ihre Familie zu unterstützen. Nicht nur Unfälle, sondern auch die erhöhten radioaktiven Strahlungen sind für sie besonders gesundheitsschädlich.

Artenvielfalt im Wasser

Eine Stunde Bohren im Meer verursacht rund 200 Kubikmeter Sedimente, die wieder zurück ins Wasser befördert werden. Das Wasser wird schlammig und trüb, die Wasserqualität leidet.

Der schwermetallhaltige Schlamm bedeckt Riffe, erstickt Korallen und bedroht das fragile Ökosystem. Fische wechseln ihren Lebensraum und schwimmen ins offene Meer hinaus. Mangrovenwälder, eigentlich Brut- und Aufwuchs-Gebiete vieler Meeresbewohner, werden zerstört und machen die Insel anfällig für Meeresstürme.

Auch am Strand macht sich der Zinnabbau bemerkbar. Jeden Tag werden hunderte Tonnen von Zinn entladen. Das Ufer ist mit einer Schicht aus Schlick und Lehm übersät und die vom Aussterben bedrohte Meeresschildkröte kann ihre Eier nicht mehr ablegen.

Der schwermetallhaltige Schlamm bedeckt Riffe, erstickt Korallen und bedroht das fragile Ökosystem.

Lokale Gemeinschaft

Verständlicherweise haben die schwimmenden Minen vor Bangka den Unmut vieler Fischer auf sich gezogen. Das Überleben von 45.000 Fischern ist bedroht, da die Fischbestände kontinuierlich abnehmen. Nicht selten kommt es zu Konflikten und Auseinandersetzungen mit den lokalen Gemeinschaften.

Die Zunahme der Minen vor den Inseln werden auch im Tourismus spürbar sein. Eine Resort-Anlage kann noch so toll sein – durch trübes Wasser, dreckigen Strand und eine verdeckte Aussicht werden Urlauber langfristig fernbleiben.

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Belitung Island in Indonesien – Foto: Eva Lauterbach

Welches Problem steckt dahinter?

Die indonesische Regierung hat im Mai 2020 das Gesetz für Kohle und Bergbau überarbeitet. Dieses erweitert nicht nur die Rechte von Unternehmen in der Erschließung neuer Zinnvorkommen, sondern verpflichtet diese sogar explizit dazu.

Bislang waren Erkundungen neuer Vorkommen nur in einem Umkreis von 12 Kilometer vor der Küste erlaubt – eine Grenze, die es mittlerweile nicht mehr gibt.

Ein entscheidender Punkt, der uns auch beim Palmölanbau, Sandabbau und auf Müllbergen begegnet, ist die Alternativlosigkeit vieler indonesischer Familien.

Wirtschaftliche Nöte und der Mangel an alternativen Einkommensquellen haben zur Folge, dass sie sich Arbeit suchen, die ihre Umwelt und Lebensgrundlage langfristig zerstört.

Viele Minenarbeiter sind ehemalige Fischer, die sich aufgrund des zunehmenden Zinnabbaus von der Fischerei ab- und der Minenarbeit zugewandt haben.

Wirtschaftliche Nöte und der Mangel an alternativen Einkommensquellen haben zur Folge, dass Indonesier/innen beim Zinnabbau Arbeit suchen, die ihre Umwelt und Lebensgrundlage langfristig zerstört.

Kritik durch NGO’s

NGO’s wie Walhi kritisieren den Raubbau seit vielen Jahren und fordern ein Moratorium für Minenabbau. Zwar besteht bereits eine Verpflichtung zur Wiederaufforstung der zerstörten Wälder, doch wird diese Praxis häufig durch neue Plünderer zerstört. Auch fehlt eine ausreichende Kontrolle bei der Umsetzung der Auflagen.

Außerdem haben sie Sorge, dass die Umweltzerstörung und Missachtung von Rechten der lokalen Gemeinschaften unter den neuen Regelungen zunehmen werden. Immer wieder werden Fälle von Einschüchterungen lokaler Gemeinschaften durch Bergbau-Firmen bekannt.

Die Schließung schwimmender Minen und die Einteilung der Region in Naturschutz- und Abbaugebiete würde das Überleben von Tausenden Fischern sichern. Dies kann jedoch nur mit der Schaffung von lukrativen Arbeitsplätzen außerhalb des Gewerbes passieren.

Wie wird es weitergehen?

Auch wenn die Auswirkungen der anhaltenden Corona-Krise in vielen Teilen der Welt spürbar sind, hat die Nachfrage nach Zinn nicht nachgelassen. Lebensmittel in Konservendosen und Elektrogeräte sind auch während der Pandemie begehrt und werden es noch lange bleiben.

Aufgrund von massiven Mobilitäts-Einschränkungen kam die Lieferkette für Produktion und Transport ins Schwanken – was wiederum mit einem Anstieg des Zinnpreises einherging.

Experten haben bereits das Erdinnere von Bangka-Belitung untersucht und über eine Million Tonnen Zinn entdeckt. Diese Menge und die steigenden Zinnpreise werden ein Ansporn für Arbeiter und Unternehmen sein, weiterhin Zinn abzubauen.

Experten haben bereits das Erdinnere von Bangka-Belitung untersucht und über eine Million Tonnen Zinn entdeckt.

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Die Corona-Krise hat durch das Fernbleiben von Touristen das Problem der alternativen Einkommensquellen zusätzlich verstärkt – Foto: Anggit Rizkianto

Was kannst du tun?

Es ist zwar nicht immer viel, was wir tun können, doch jeder einzelne Schritt zählt.

Dazu gehört es, ausgediente Handys und andere Elektrogeräte fachgerecht zu entsorgen. Durch das fachgerechte Recyceln können Rohstoffe zurückgewonnen und der Abbau neuer Rohstoffe reduziert werden. Ausführliche Informationen zum Thema „Recycling von Elektroschrott“ findest du hier.

Fair Lötet ist eine gemeinnützige Organisation, die das Problem an der Wurzel anpackt. Die Organisation setzt sich für die Nutzung von recyceltem Zinn ein und hat in Zusammenarbeit mit dem Traditionsunternehmen Stannol fairen Lötzinn entwickelt.

Mit dem Kauf von fair produzierten oder gebrauchten Elektrogeräten wirst du den größten Einfluss auf zukünftige Entwicklungen ausüben können.

Das Start-up Nager IT stellt eine faire Computer-Maus her. Bei Fairphone erhältst du Smartphones sowie Ersatzteile und Zubehör, die langlebig sind und unter fairen Produktionsbedingungen hergestellt wurden. Bei Shift werden nachhaltige Smartphones und Laptops hergestellt. Über Back Market kannst du professionell wiederaufbereitete Elektrogeräte kaufen.

Hast du noch einen weiteren Tipp für uns? Oder warst du bereits in Bangka-Belitung? Wie ist deine Meinung zum Thema? Lass es uns wissen in den Kommentaren.

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Über die Autorin:

Autorenfoto Gunda mit Hartono

Gunda kommt aus der Tauch- und Tourismusbranche und war einige Jahre in Südostasien unterwegs, bevor sie ihr Herz an Indonesien verlor. Hier fand sie nicht nur ihre neue Heimat, sondern auch ihre große Liebe. Nach der Leitung eines Tauchresorts in Raja Ampat, entstand die Idee zu ihrer Webseite. Mittlerweile lebt sie als freie Autorin und Podcasterin mit ihrem Mann Hartono auf Morotai, wo die beiden sich eine kleine Selbstversorger-Farm aufbauen möchten. Mehr von dieser Autorin lesen.

 
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