Home Kritisch Plastikmüll als Währung: So funktioniert es in Indonesien

Plastikmüll als Währung: So funktioniert es in Indonesien

von Melissa Schumacher

Bali hat ein Abfallproblem, das ist allgemein bekannt. Sehr gut sichtbar vor allem in der Regenzeit, wenn der Abfall mit den Flüssen ins Meer fliesst und später an den Stränden angespült wird.

In Kuta kommt sogar ein kleiner Bagger zum Einsatz, der das unschöne Nebenprodukt des Ferienparadieses vom Strand wegschiebt. Diese Berge wachsen manchmal bis auf zwei Meter an bevor sie abtransportiert werden. 

Das alles ist leider nichts Neues.

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Der Jimbaran Beach auf Bali während der Regenzeit

Diesen Artikel schreibe ich jedoch in 2021. Covid-19 lässt die Welt immer noch innehalten. Auf Bali kehren Taxifahrer, Touristenführer sowie Hotel- und Restaurantbetreiber in ihre Dörfer zurück, weil sie keine Arbeit mehr haben.

Ihre Familien und ihr starker Glaube sind die Stütze der balinesischen Gesellschaft in der aktuellen Krise. Aber es ist trotzdem schwierig. Mit Reisanbau oder der Fischerei ist nicht viel Geld zu verdienen und so gibt es in vielen Familien nur noch weißen Reis zu essen. 

Hinzu kommt, dass aktuell eine ungewöhnlich starke Regenzeit auf Bali herrscht. Sogar im Norden der Insel regnet es fast täglich. Was anfangs bei der Bevölkerung große Freude ausgelöst hat, schlägt jetzt in Besorgnis um, weil die Ernte zu ertrinken droht. 

Die Regierung hat der Bevölkerung versprochen mit Zuschüssen zu helfen, aber diese kommen oftmals nicht in den Dörfern an. Seit ein paar Wochen weiß man, dass einer der Verantwortlichen die Covid-19-Hilfsgelder abgezweigt und in Koffern in seinem Haus versteckt hat. Trotz ausserordentlichen Bemühungen des Präsidenten, die Korruption zu stoppen, deckt die Antikorruptionsbehörde immer wieder solche Fälle auf.  

Die Expats helfen aus, sammeln Geld und verteilen Lebensmittelpakete, sogenannte Sambakos an die Bevölkerung. Diese bestehen vor allem aus Grundnahrungsmitteln wie Reis, Eiern, Öl, Nudeln, Seife, Masken etc. Eine erwähnenswerte Initiative an dieser Stelle ist beispielsweise Feed Bali. Bei jedem Verkauf des Indojunkie Kochbuchs gehen übrigens 1 Euro an diese Organisation.

Das alles hilft die Not zu lindern, aber die Menschen leben von Almosen und sie haben weiterhin nichts zu tun. Ein Balinese aus Ubud erkannte dieses Problem und hatte Anfang des Jahres eine zündende Idee:

Was wäre, wenn man eine Aufgabe schaffen würde, die einerseits Geld bringt, anderseits der Natur zugute kommt?

Lesetipp: Corona in Indonesien & Bali: Aktuelle Einreise, neues E-Visa und mehr

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Das Team von Feed Bali

Reis gegen Plastik: Aufgabe, Währung und Umweltschutz während der Pandemie

Ein Balinese, der sich viele Gedanken macht, ist Janur Yasa. Er führt zusammen mit seinem Geschäftspartner ein vegetarisches Restaurant in Ubud. Es ist noch immer geöffnet, obwohl die Anzahl der Gäste stark abgenommen hat. Irgendwie schaffen sie es, den Betrieb am Laufen zu halten.

In seinem Dorf ist Janur „Kliang“, das heisst, er ist einer der Dorfführer. Er macht sich Sorgen um die Bevölkerung. Denn das Rumsitzen tut niemandem gut.

In seinem Dorf zieht sich zudem der nichtorganische Abfall durch die Strassen. Er beschliesst deswegen, eine Aktion zu starten: Reis gegen Plastik.

Die Dorfbewohner sammeln Abfall und bringen ihn zum Versammlungsplatz. Dort wird er gewogen und in Reis eingetauscht. In nur vier Tagen wurde eine Tonne Plastik gesammelt und 300 Menschen konnten Reis mit nach Hause nehmen. Eine neue Idee war geboren!

Janur wollte dieses Model replizieren und überzeugte weitere Dorfälteste in den Nachbardörfern diese Aktion durchzuführen. Mit durchschlagendem Erfolg! Das war im April. 

Das Projekt breitete sich über ganz Bali aus wie ein Lauffeuer! Inzwischen wurden 100 Tonnen Plastik gesammelt und 25 Tonnen Reis verteilt. Die Menschen haben gelernt, nicht organischen Abfall im Haus zu sammeln und ihn sogar zu trennen!

Denn sie wissen, Abfall ist jetzt Reis wert!

Bali hat nun eine neue Währung!

Webseite: Plastic Exchange Project BaliInstagram: @theplasticxchange

Die Tauschmodelle von The Plastic Exchange

Die Tauschmodelle sind sehr individuell und bestimmt jedes Banjar (Gemeinde auf Bali) selber. Je mehr Abfall es in einem Dorf gibt, umso mehr muss gesammelt werden um ein Kilo Reis zu erhalten.

Auch der Abfall selber wird aufgeteilt in Flaschen, Hartplastik, Verpackungen, nasser oder trockener Plastik, Karton, Zeitungen, Fernseher etc.

Folgende Grafiken veranschaulichen die unterschiedlichen Tauschmodelle.

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Hier ein Modell aus meinem Dorf in Amed
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Ein Punktesystem aus einem Dorf in der Nähe von Ubud

Durch das Tauschen von Plastik gegen Lebensmittel behalten die Menschen ihre Würde. Sie lernen wirtschaftliche Schwierigkeiten zu überwinden und das Bewusstsein für eine saubere und gesunde Umwelt wächst. 

Was mir persönlich besonders gut an The Plastic Exchange gefällt: Die Idee kommt von einem Balinesen. Die Banjars organisieren die Sammlungen und motivieren ihre Bevölkerung und sensibilisieren sie. Oder mögt ihr es, wenn ein Fremder in euer Haus kommt und euch sagt, was ihr ändern sollt?

Was ich mir wünschen würde ist, dass auch die Männer mitanpacken. Bisher habe ich fast ausschliesslich Frauen und Kinder vollbepackt mit Abfallsäcken an der Sammelstelle gesehen. 

Es stellen sich nun aber noch zwei Fragen: Wie wird der Reis finanziert und wie wird der gesammelte Abfall entsorgt?

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Gesammelter Müll von The Plastic Exchange

Wie wird der Reis finanziert?

Hier helfen die ansässigen Expats in den jeweiligen Dörfern. Sie organisieren Fundrising.

Ausserdem hat Janur bei Gofundme ein Projekt gestartet, wo gespendet werden kann. Wenn du die Idee von Janur gut findest, unterstütze diese also gerne mit einer Spende! 😉

Langfristig wäre es jedoch gut, wenn das Projekt irgendwie unabhängig von Spenden funktionieren könnte. Hast du Ideen, wie man den Reis auf eine andere Art finanzieren könnte? Her damit in den Kommentaren!

Wie wird der Abfall entsorgt? 

Das ist tatsächlich nicht ganz einfach. Indonesien ist diesbezüglich ein Entwicklungsland.

Es gibt Recycling-Unternehmen, die davon leben, den Abfall zu trennen, wieder aufzubereiten und nach Möglichkeit weiterzuverkaufen.

Plastikflaschen werden beispielsweise nach Jawa verkauft, wo sie ebenfalls aufbereitet und weiterverwendet werden.

Der Rest wird leider immer noch in sog. „Landfills“,also in Gruben entsorgt. 

Wie nachhaltig ist The Plastic Exchange wirklich?

Wie nachhaltig dieses Projekt sein wird, kann niemand abschätzen. Im Moment versuchen die Dörfer die Sammlungen monatlich durchzuführen.

Was, wenn die Pandemie vorüber ist? Was, wenn es kein Reis mehr für Plastik gibt? Landet der Abfall dann wieder hinter dem Haus, an der Strasse, im Meer und am Strand? Oder bringen ihn die Menschen zu den bereit gestellten Abfallstellen, wo sie zwei bis dreimal wöchentlich abgeholt und entsorgt werden?

Lasst und alle hoffen, reden, beten und balinesische Opfergaben darbringen, dass sich das Bewusstsein für eine saubere Umwelt bei der balinesischen Bevölkerung bis dahin entwickeln wird!

Über Gofundme kannst du The Plastic Exchange unterstützen.

Über die Autorin: Manuela ist im Juli 2018 ausgestiegen. Unverschämterweise 10 Jahre vor dem regulären Pensionsalter. Reisen gehörte schon immer zu ihren Leidenschaften, aber nach Bali kehrte sie immer wieder zurück… bis sie blieb. Die Menschen, die Landschaften und das Klima haben es ihr angetan. Die Glückshormone sind seither ihre ständigen Begleiter. Sie schrieb bei Facebook ein Blog über ihr erstes Auswandererjahr (Ella’s Bali Blog). 

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1 Kommentar

Gunter 14. Januar 2021 - 6:33

Der Plastikmüll auf Bali ist einzig und allein das Problem von Eltern, die ihre Kinder nicht erziehen.
Schade, dass ich hier keine Fotos Posten kann, in Kuta liegen umgerechnet die Reismengen ganzer Jahresernten am Strand, ab und zu wird von mittlerweile 3 Schaufelradladern der Müll und Sand zusammengeschoben und auf eine geschätzt 12 m Höhe Müllkippe am Strand, direkt neben einem Platz für aben, also Verbrennungen von Leichen abgekippt.
Das Meer stinkt erbärmlich nach Scheiße und Verfaultem, das allerdings das ganze Jahr!
In den Häusern und Unterkünften ist das Wasser zum kotzen, im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe einen Filter installiert, lt. Beschreibung bei normaler Verschmutzung alle 2-3 Monate zu wechseln, in Kuta war er bereits nach 3 Wochen dicht, man ist nach dem Duschen schmutziger als vorher.
Daher: von mir keine Rupie, die sollen ihre Kinder erziehen, dass sie nicht alles, was sie nicht mehr brauchen, einfach hinter sich fallen lassen!
Meine Eltern haben es mir auch beigebracht und ich habe es an meine Tochter erfolgreich weitergegeben.
Bali ist schmutzig, verwahrlost, da täuschen auch farbenfrohe Zeremonien jedweder Art, die gefühlt an 2 von 3 Tagen stattfinden nicht darüber hinweg.
Bali ist ein Paradies für Hundeliebhaber, alles ist Zugeschießen, Strände (ganz übel canggu), Straßen und besonders die Gänge.
Ich ging früher von meinem homestay einige Minuten zu einem warung um zu frühstücken, nachdem ich immer öfter an totgefahrenen Ratten, scheißenden und kotzenden Hunden vorbeimusste und mein Appetit durch ein ausgeprägtes körperliches Unbehagen verdrängt würde, habe ich mir einen Motorscooter zugelegt und muss mich jetzt nicht mehr im Zickzack durch die Straßen bewegen.
Durch den 9 Monate andauernden PSBB (lockdown) gab es kaum noch Verkehr, der zu normalen Zeiten die Zahl der wilden Hunde und Katzen reduziert hat, jetzt ist es grauenhaft schmutzig.
Ach ja, warum ich hier lebe? Es ist billig und vom Ngurah Rai ist man schnell und preiswert in gepflegteren Ländern wie Thailand, Malaysia, Philippinen und Indien.
Schön blöd, wer noch zum Urlauben in diese lausige Nest kommt!

Antworte Gunter

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