Home Natur und Tierwelt Babirusa: Die sonderbaren Sulawesi-Hirscheber

Babirusa: Die sonderbaren Sulawesi-Hirscheber

von Melissa Schumacher

Ein Beitrag von Michael Leitzinger

Kennst du die sonderbaren indonesischen Hirscheber (auch Babirusa genannt)? Die Tiere wirken wie aus einer anderen Zeit, wie ein Fabelwesen oder eine Mischform aus Schwein und Hirsch. Wir stellen dir die faszinierende Tiere in diesem Beitrag vor.

Babirusa kann man in Indonesien im Bogani Nani Wartabone Nationalpark, Panua Naturschutzgebiet, Nantu Forest und in den Wäldern nördlich von Palu mit etwas Glück in freier Wildbahn antreffen.

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Hirscheber (auch Babirusa) genannt – Foto: Wieland Meier

Geweihtragende Wildschweine?

Ich zeigte einmal meine Bildersammlung von Hirschebern, einem gestandenen Bayern. Als er eines der Fotos genauer betrachtete, sagte er nur: „Sakrisch, a indonesischer Wolpertinger*!“

Denn die gewaltigen Hauer, die den Rüssel des Babirusa durchdringen, sehen auf den ersten Blick unnatürlich aus, als ob ein Präparator Hand angelegt hätte. Dem ist aber nicht so.

* Der Wolpertinger ist ein bayerisches Fabelwesen. Meist wird es als ein Mischwesen in unterschiedlichen Formen beschrieben, wie z. B. als Eichhörnchen mit Entenschnabel. Im Falle des Hirschebers ist der indonesische Wolpentinger auf dem ersten Blick eine Mischung aus Wildschwein und Hirsch.

Das Wort Babirusa kommt aus dem Indonesischen: Babi = Schwein, Rusa = Hirsch.

Bei dem „Hauern“ des Hirschebers handelt es sich jedoch nicht um ein Geweih wie bei Hirschen sondern um Zähne.

Das in Indonesien beheimatete Babirusa ist das einzige bekannte Säugetier auf unserem Planeten, bei dem die Zähne regelrecht die Haut durchbrechen und eine Länge von bis zu 30 cm erreichen können. Dieses Phänomen wird derzeit medizinisch untersucht, da normalerweise entzündliche Infektionen entstehen würden.

Der Name des Tieres ist jedoch nicht nur irreführend aufgrund der Verbindung zum Geweih eines Hirsches. Auch die Begrifflichkeit „Eber“ ist missverständlich. Denn obwohl der Begriff „Eber“ für gewöhnlich ein männliches Schwein betitelt, werden beim Babirusa beide Geschlechter als Hirscheber bezeichnet.

Unter den Schweinen nimmt der Hirscheber somit eine Sonderstellung ein. Bis heute sind die genauen verwandtschaftlichen Verhältnisse noch nicht geklärt. Es gibt Untersuchungen, die es wahrscheinlich erscheinen lassen, dass er nahe mit den Flusspferden verwandt ist, die ihrerseits den Schweinen sehr nahe stehen.

Hirscheber (Babirusa) in Sulawesi – Foto: Wieland Meier

Babirusa: Vorkommen, Lebensraum & Verhalten

Das Verbreitungsgebiet der bekannten Hirscheber-Arten liegt in Indonesien. Sie leben auf dem Festland von Sulawesi, den Togian-Inseln sowie auf vereinzelten Molukken-Inseln.

Babirusa fühlen sich in feuchten, tropischen Regenwäldern, sowie in Flussnähe und an Seen zuhause. Es sind tagaktive Säugetiere, wobei sie besonders die frühen Morgenstunden schätzen.

Viel Zeit verbringen sie mit im Schlamm wälzen, liegen und dösen. Da sie wie alle Schweine nicht schwitzen können, ist ein tägliches Suhlen notwendig, um Abkühlung zu erlangen.

Die Mutterschweine leben in kleinen Gruppen mit ihren Jungtieren zusammen, während die Eber als ausgesprochene Einzelgänger bekannt sind. Hirscheber sind allesamt sehr schnelle Läufer und ausgezeichnete Schwimmer.

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Babirusa Weibchen mit Jungtier – Foto: Wieland Meier

Der Sulawesi Hirscheber

Der bekannteste seiner Art ist der Sulawesi-Hirscheber (Babyrousa celebensis), der hauptsächlich auf dem Festland von Sulawesi beheimatet ist. Um sich durch das oft dichte Unterholz ihres Habitats schnell fortzubewegen, legen sie „Trampelpfade“ an.

Der Sulawesi-Hirscheber wird wie folgt beschrieben:

  • Der Hirscheber hat ein Kopfrumpflänge von etwa 88 bis 107 cm, mit Schwanz kommen noch zusätzliche 28 bis 32 cm hinzu. Die Schulterhöhe beträgt 65 bis 80 cm.
  • Die Tiere bringen bis zu 100 kg auf die Waage.
  • Ihre Haut, spärlich mit borstigen Haaren bedeckt, ist an der Oberseite graubraun und an der Unterseite weisslich, wobei sich das Weiss bis zu den Lippen erstrecken kann.
  • Der Nacken- und Bauchbereich ist faltig. Insgesamt wirkt der gesamte Körper rundlich und die Beine sind relativ lang und dünn.

Gerade in der Paarungszeit kommt es zwischen den männlichen Vertretern zu heftigen Kämpfen um das Vorzugsrecht, sich mit einer Bache zu paaren. Verletzungen entstehen kaum, da ihre Hauer rückwärts weisen.

Zweimal im Jahr kann ein Weibchen Nachwuchs zur Welt bringen. Nach einer Tragzeit von circa 5 Monaten, werden in der Regel eines, manchmal aber auch zwei Jungtiere, geboren. Bachen besitzen nämlich nur zwei Zitzen.

Eine absolute Ausnahme bei Hirschebern sind Drillinge. Diese wurden beispielsweise am 20. Mai 2018 im britischen Zoo von Chester geboren. 

Die Frischlinge sind im Gegensatz zu den meisten Wildschweinen nicht gestreift und ausgesprochene Nestflüchter. Bereits zehn Tage nach ihrer Geburt nehmen sie feste Nahrung zu sich. Geschlechtsreif werden sie auch recht schnell – innerhalb von fünf bis sechs Monaten, die Zeit der Entwöhnung.  Über die Lebenserwartung von Hirschebern ist in freier Wildbahn nichts bekannt. 24 Jahre wurde das älteste in Gefangenschaft gehaltene Tier. 

Babirusa suchen häufig vulkanische Salzlecken auf, um grosse Mengen des Salzwassers zu trinken, die vorhandenen Steine abzulecken und von der ebenso salzhaltigen Erde zu fressen. Es ist erwiesen, dass diese „Salzquellen“ einen höheren Prozentanteil an Eisen, Natrium, Zink und Mangan aufweisen, als die Steh- und Fließgewässer in ihrem Revier.

Der Lebensraum der Hirscheber beschert den Tieren eine reichhaltige „Speisekarte“:  Blätter des Warinigibaums, Canari-Samen des Pilinussbaums, die Früchte des Pangibaums, Elatostema – ein Brennesselgewächs , Eicheln, Wurzeln und Pilze.

Warum haben Hirscheber so gewaltige Hauer?

Es gibt eine schöne Anekdote, dass Hirscheber die Stoßzähne benutzen, um von Bäumen herab zu hängen, dabei  ruhig warten, bis eine holde Schönheit vorbeikommt.

Eine weitere, weit verbreitete Annahme in Indonesien ist, dass diese einzelgängerischen Hirscheber mit den Hauern Dickicht zur Seite biegen, um die im Schlamm suhlenden Bachen besser bespitzeln zu können.

Die einzige plausibel erscheinende Erklärung wurde 1981 von John McKinnon (St. Louis Zoo/ US-Bundesstaat Missouri) veröffentlicht. Seine Studien legen nahe, dass Eber diesen außergewöhnlichen Satz von oberen Stoßzähnen entwickelten, um die Augen und den Hals vor den zerschlagenen unteren Stosszähnen konkurrierender Eber zu schützen.

Die Evolution konnte auch nur ein solches Gebiss schaffen, da Sulawesi seit eh und je von Raubtieren unbewohnt blieb und die Zähne nicht zum Selbstschutz benötigt wurden und werden.

Ohne starken Selektionsdruck zur Entwicklung und Aufrechterhaltung von Anti-Raubtier-Mechanismen waren die Stoßzähne plötzlich „frei“, um für andere Zwecke modifiziert zu werden. Die grösste Bedrohung für die Babirusa-Eber in früheren Zeiten war nicht die Prädation (also Fressfeinde), sondern die Konkurrenz untereinander. Rivalisierende Eber, die mit dolchartigen Stoßzähnen bewaffnet waren, stellten eine ernsthafte Gefahr für den durchschnittlichen bezahnten Babirusa-Eber dar.

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Zwei Hirscheber (Babirusa) in Indonesien – Foto: Ardin Mokodompit

Weitere Hirscheber-Arten in Indonesien

1 | Togian-Hirscheber

In den tropischen Regewäldern der Togian-Inseln (u. a. Batudaka, Togian, Talatakoh, Kadidiri und Malenge, die in der Tomini-Bucht liegen) kommt der Togian-Hirscheber (Babyrousa togeanensis), eine weitere Art der Hirscheber, vor.

Seit gut 12.000 Jahren ist diese Inselgruppe mit ihren malerischen Sandstränden und ihrer einzigartigen Unterwasserwelt  von Sulawesi getrennt. Es ist bis heute noch ungeklärt, ob die Hirscheber der Togians mit den Hirschebern, die auf dem östlichen Arm Sulawesis leben, verwandt sind oder nicht. Man nimmt jedoch an, dass in früherer Zeit Tiere vom Menschen auf die Togian-Inseln gebracht wurden, oder sie erreichten diese schwimmend, denn das können sie hervorragend.

Über eines ist die Wissenschaft sich jedoch sicher. Vergleicht man den Schädel mit anderen Hirscheber-Arten, so gilt der Togian-Hirscheber als grösster seiner Art. Hingegen zum Sulawesi-Hirscheber besitzt er eine sehr stark behaarte Schwanzquaste.

2 | Molukken-Hirscheber

Die dritte im Bunde der „Geweihtraeger, ist der Molukken-Hirscheber (Babyrousa babyrussa), mit einer deutlich stärkeren Körperbehaarung. Im Vergleich zu seinen Verwandten auf Sulawesi sind seine Hauer nicht bogenförmig nach hinten gewölbt, sondern relativ kurz und nach vorne gekrümmt.

Er kommt heute nur noch auf den Molukkeninseln Sula, Mangole, Taliabu und Buru vor. Historisch umfasste sein Verbreitungsgebiet auch Sulawesi, wo man ihn heute aber nicht mehr antrifft.

3 | Bola-Batu-Hirscheber

Zuletzt wäre noch der Bola-Batu-Hirscheber (Babyrousa bolabatuensis) zu nennen. Dieser war im Holozaen (Nacheiszeitalter) im Südwesten Sulawesis verbreitet.

Forscher sind sich unklar, ob er bereits ausgestorben ist oder noch versteckt in unerforschten Teilen des tropischen Regenwaldes vorkommt. Seine Existenz ist lediglich durch Knochenfunde belegt und nach dem ersten Fundort seiner subfossilen Schädelknochenreste in der Bola-Batu-Höhle (Provinz Kulawi in Zentral Sulawesi) benannt worden. 

Wie steht es heute um die Hirscheber?

Seit Menschengedenken werden sämtliche auf der Welt vorkommenden Schweinearten bejagt und domestiziert.  Eine Domestikation mit Hirschebern hat jedoch nie wirklich funktioniert, da sich die Tiere in Gefangenschaft nur schwer vermehren.

Einige deutsche Zoos, wie die Wilhelma Stuttgart und der Wuppertaler Zoo,  können jedoch auf ihre erfolgreichen Nachzuchten stolz sein. 

Laut Schätzungen der IUCN, gibt es heute gerade noch um die 4.000 Babirusa in freier Wildbahn. Ihre natürlichen Lebensräume werden nach und nach dezimiert. Tropischer Regenwald muss Palmölplantagen weichen.

Aus diesem Grund stuft die Weltnaturschutzorganisation alle Hirscheber-Arten als „gefährdet“, ja sogar „stark gefährdet“, ein.

Euch reizt es selbst einmal diese seltenen Tiere in ihrer natürlichen Umgebung  zu beobachten und habt Fragen bzgl. bester Jahreszeit , Ausrüstung und Kosten? Dann hilft man euch bei CV Minahasa Adventure sehr gerne weiter.

Eine Frau kämpft um die Erhaltung der letzten Lebensräume

1988 unternahm Lynn Clayton erste Feldforschungen im Nantu Forest in der Provinz Gorontalo auf der Insel Sulawesi. Die englische Oxfordabsolventin, Feldbiologin und spätere Dr. Lynn Clayton, gewann zehn Jahre darauf den 2. Platz bei einem Naturschutzwettbewerb des Whitley Found for Nature.

Das Geld, das ihr dafür ausgezahlt wurde, setzte sie zum Schutz des Nantu-Paguyaman Waldes ein. Sie erkannte bereits während ihres ersten Besuches, dass dieses wilde und abgelegene Regenwaldgebiet zum Schutz des Hirschebers von internationaler Bedeutung und Interesse werden muss.

Auf dem Papier ist der Hirscheber in Indonesien bereits seit 1931 geschützt. Dr. Clayton arbeitet in enger Kooperation mit den indonesischen Behörden, Naturschutzorganisationen, Rangern, Forschungseinrichtungen und Volontären zusammen, um diesen einzigartigen Lebensraum zu bewahren.

Nantu Forest Babirusa
Babirusa Weibchen im Nantu Forest

Babirusa in Deutschland

Einige deutsche Zoos und Tiergärten halten und züchten Babirusa.

Deutsche Zoos, die Babirusa halten:
Zoo Berlin
Zoo Leipzig
Wilhelma Stuttgart
Grüner Zoo Wuppertal
Opel Zoo Kronberg / Taunus

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Über den Autor: Michael Leitzinger lebt auf Sulawesi und ist u.a. Expeditionsleiter. So oft es geht zieht es ihn nach draussen in die Natur. Neben Tauchen, Kochen und Bergsteigen erforscht er gerne unbekannte Inseln, undurchdringliche Regenwälder und Naturvölker. Für namhafte Fernsehsender organisiert er Drehs und ist seit 1990 vom Indonesien-Virus befallen.

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