Traditionelle Walfängerdorf Lamalera in Indonesien: Ein Erfahrungsbericht - Indojunkie

Traditionelle Walfängerdorf Lamalera in Indonesien: Ein Erfahrungsbericht

Wer sich mit Lamalera in Indonesien beschäftigt, merkt schnell: Das hier ist kein klassisches Reiseziel. Lamalera ist ein kleines Dorf auf einer abgelegenen Insel in Ostindonesien. Der Ort ist bekannt geworden durch eine Tradition, die weltweit Diskussionen auslöst: den Walfang.

Informationen sind widersprüchlich, Meinungen gehen auseinander und vieles lässt sich nicht einfach in „richtig“ oder „falsch“ einordnen.

Wir waren selbst vor Ort in Lamalera und teilen in diesem Artikel unsere Erfahrungen, Einblicke und ehrlichen Gedanken rund um das traditionelle Walfängerdorf in Indonesien.

Disclaimer:
Dieser Artikel behandelt das traditionelle Walfangdorf Lamalera auf der Insel Lembata. Der Walfang ist dort Teil einer jahrhundertealten Kultur und eng mit der Lebensweise der Dorfgemeinschaft verbunden. Gleichzeitig ist das Thema emotional und ethisch sensibel. Dieser Beitrag soll Einblicke geben und zum Verständnis beitragen – ohne zu bewerten oder zu verherrlichen.

Wo liegt Lamalera?

Lamalera liegt an der Südküste der Insel Lembata in der Provinz Nusa Tenggara Timur (NTT) im Osten Indonesiens. Viele ordnen den Ort gedanklich Flores zu, weil die meisten Reisenden über Flores an- oder weiterreisen. Tatsächlich befindet sich das Dorf aber auf der östlichen Nachbarinsel Lembata.

Gerade diese Lage macht Lamalera so besonders. Während Orte wie Labuan Bajo im Westen von Flores längst auf vielen Indonesien-Routen liegen, beginnt hinter den touristisch bekannteren Gegenden eine ganz andere Art des Reisens. Diese ist langsamer, anstrengender, unplanbarer und deutlich ursprünglicher, weswegen Lamalera daher nicht so einfach zu erreichen ist.

Lamalera-indonesien
Karte Indonesien: Lamalera in rot markiert

Wie kommt man nach Lamalera?

Wer nach Lamalera will, muss die Reise wirklich wollen. Indonesien ist riesig und dabei kommt man vor allem in wenig touristisch erschlossenen Regionen wie Ostflores oder Lembata nur langsam voran.

In vielen Fällen ist Labuan Bajo der Ausgangspunkt. Von dort gibt es mehrere Möglichkeiten, weiterzureisen.

a) Anreise über Maumere

Eine davon ist ein Flug nach Maumere, was Zeit spart, aber meist teurer ist. Ab dort geht es dann auf dem Landweg weiter mit lokalen Transportmitteln, Fähren und vor allem mit viel Geduld.

Ein unumgänglicher Punkt auf der Reise nach Lamalera über die Insel Flores ist die Stadt Larantuka, welche das östlichste Gebiet der 15.175 km² großen Insel aufweist und per Speedboat die Möglichkeit zum Übersetzen nach Lewoleba, der Hafenstadt Lembatas, bietet.

Anreise Lamalera über Maumere

Labuan Bajo → Flug nach Maumera → über Landweg nach Larantuka → mit dem Speedboot nach Lewoleba übersetzen

b) Anreise über Kupang

Eine andere Option ist die Anreise über Kupang. Von dort bestehen gute Verbindungen nach Lewoleba, dem wichtigsten Ort auf Lembata, per Fähre.

Anreise Lamalera über Kupang

Labuan Bajo → Flug nach Kupang → mit der Fähre nach Lewoleba

Von Lewoleba aus gelangt man schließlich per Bemo weiter nach Lamalera. Hier gibt es täglich eine Fahrt in die Stadt hinein sowie wieder heraus. Informationen zu den Abfahrten der Fähre findet ihr unter diesem Link*.

* Gebt dafür Kupang als Starthafen und Lewoleba als Zieldestination ein, um zu schauen, wann mögliche Abfahrten sind.

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Weitere Informationen

Was ist die beste Reisezeit für Lamalera?

Bleibt noch die Frage nach der besten Reisezeit. Wichtig ist dabei zu wissen, dass viele Angaben im Internet zu den einzelnen Monaten nur bedingt verlässlich sind. Zwar stimmt es, dass die tiefe See vor Lamalera zwischen Juli und Ende September besonders nährstoffreich ist und sich in dieser Zeit mehr Pottwale und andere Meerestiere in den Gewässern aufhalten. Das ist jedoch noch lange keine Garantie für eine erfolgreiche Jagd oder überhaupt eine Sichtung.

Wir selbst waren im November dort. Online liest man häufig, dass die Boote nur von Anfang Mai bis Ende Oktober hinausfahren, um zu jagen. Ganz falsch ist das nicht, denn außerhalb dieser Monate ist die See oft rauer. Unbefahrbar ist sie deshalb aber noch lange nicht. Wenn eine Jagd also notwendig ist und die Bedingungen es zulassen, wird auch außerhalb der oft genannten Perioden aufs Meer hinausgefahren.

Gleichzeitig gilt umgekehrt genauso: Selbst innerhalb der angeblichen Hauptsaison können Wind, Wellen und Wetter so ungünstig sein, dass keine Ausfahrt möglich ist.

Beste Reisezeit für Lamalera: von Juli bis September

Das wichtigste Transportmittel in Lamalera: das Bemo

Am Ende führt auf dieser Reise kaum ein Weg daran vorbei: dem Bemo.

Dieses lokale Transportmittel verbindet Orte und Dörfer, transportiert Menschen, Kartons, Säcke, Tiere – eigentlich alles, was irgendwie von A nach B muss. Hühner im Innenraum oder ein Dach, das bis oben mit Ware beladen ist, sind dabei nichts Ungewöhnliches.

Komfortabel ist das nicht. Es ist eng, heiß, laut und anstrengend. Und trotzdem ist das Bemo oft der einfachste Weg, längere Strecken in dieser Region zurückzulegen.

Auf Flores oder Lembata bedeuten selbst 50 Kilometer nicht automatisch eine kurze Fahrt, da schlechte Straßen, Stopps unterwegs und die gemächliche Realität des lokalen Reisens dafür sorgen, dass selbst kleine Distanzen mehrere Stunden dauern können.

Warum wir das Bemo dem Roller vorziehen

Viele reisen in Indonesien gern mit dem Roller. Grundsätzlich ist das auch hier machbar, aber aus unserer Sicht nur bedingt sinnvoll, wenn man wirklich längere Strecken zurücklegen will.

Indonesien ist dafür schlicht zu groß, die Straßenverhältnisse sind oft zu schlecht und der Verkehr zu unberechenbar.

Mehrere Tage hintereinander fünf bis zehn Stunden auf dem Roller zu sitzen, klingt auf dem Papier nach Abenteuer, wird in der Realität aber schnell zur Belastung. Das mussten auch wir einsehen, als wir nach 2 Tagen purem Stress auf den Straßen und der ätzenden Hitze ausgesetzt uns dafür entschieden haben unseren Roller hinten an ein Bemo anzuhängen (ja damit wird wirklich alles transportiert), um schneller, sicherer und vor allem aber auch etwas komfortabler nach Lamalera zu gelangen.

Warum ist Lamalera weltweit bekannt?

Lamalera ist vor allem wegen seines traditionellen Walfangs bekannt. Seit Generationen lebt das Dorf mit und vom Meer. Der Grund dafür ist einfach und hart zugleich: Die Bedingungen an Land sind schwierig.

In dieser Region fällt wenig Regen, der Boden ist trocken, sandig und kaum fruchtbar. Landwirtschaft ist nur eingeschränkt möglich und damit einhergehend Viehhaltung ebenfalls. Das Meer blieb dem Dorf also über lange Zeit hinweg eine verlässliche Lebensgrundlage.

Aus dieser Abhängigkeit hat sich über Jahrhunderte eine Spezialisierung entwickelt, die das Leben der Einheimischen bis heute prägt und die man sofort spürt, sobald man im Dorf ankommt.

Lamalera ist kein Ort, an dem Tradition für Besucher aufgeführt wird, sondern sie wird noch gelebt. Wir selbst waren 2024 dort. 32 Jahre vor uns war unser Vater in Lamalera. Und das Verrückte: Einige der Boote, mit denen er damals aufs Meer gefahren ist, sind bis heute noch im Einsatz. Das allein sagt schon viel über die Tradition dieses Ortes aus.

Was in Lamalera gleich geblieben ist – und was nicht

Vieles hat sich äußerlich verändert, anderes kaum.

Heute haben die Boote hinten einen Motor, wohingegen früher noch bis zu zwölf Mann rudern und zusätzlich mit gesetztem Segel arbeiten mussten, um überhaupt hinaus aufs Meer zu kommen.

Was aber geblieben ist, ist das Grundprinzip der Jagd sowie die Rollen an Bord. Nach wie vor gibt es den Lamafa, den Harpunenwerfer am Bug, der im entscheidenden Moment abspringt und wirft. Gelingt ein Fang, erhält er traditionell einen größeren Anteil der Beute gegenüber der Crew und dem Dorf.

Außerdem gibt es den Breung Alep, der an Bord koordiniert und dem Mann am Motor anzeigt, wohin gesteuert werden muss.

Doch auch andere Aufgaben haben wie früher noch Bestand, wie etwa das ständige Wasserschöpfen aus dem Boot oder das Schärfen der Waffen.

Kommt es zu einem Fangversuch, wird sofort klar, dass an Bord jede Aufgabe wichtig ist. Dann müssen Harpunen weitergereicht, Seile kontrolliert, das Gleichgewicht gehalten und gefährliche Situationen in Sekunden eingeschätzt werden.

Lamalera-Indonesien-Harpune

Wie funktioniert der traditionelle Walfang in Lamalera?

Als vergleichsweise günstige Zeit für den Walfang in Lamalera gelten die Monate von Juli bis Ende September, da die tiefen Gewässer vor der Küste des Dorfes in dieser Phase besonders nährstoffreich sind und dadurch mehr große Meeressäuger in der Region vorkommen können. Eine Garantie für Sichtungen oder gar eine erfolgreiche Jagd ist das jedoch nicht.

Traditionell beobachteten früher sogenannte Späher vom Strand und von erhöhten Punkten aus das Meer. Sobald irgendwo eine Wasserfontäne zu sehen oder eine andere Bewegung zu erkennen war, wurde die Mannschaft zusammengerufen.

Vor dem Auslaufen ging man zunächst in die Kirche, um zu beten, denn Lamalera ist, wie viele Orte auf Lembata und den umliegenden Inseln, stark christlich geprägt.

Danach wurde das Boot mit Hilfe von Holzstämmen über den schwarzen, von der Sonne erhitzten Sand ins Wasser geschoben.

Heute läuft vieles etwas anders. Der Motor ersetzt die Ruder, und Späher sind zwar noch immer wichtig, aber nicht mehr in derselben Form unverzichtbar, weil die Walfänger auch direkt vom Meer aus Ausschau halten können.

Trotz aller Veränderungen wird vor jeder Jagd noch immer gebetet, und auch die Holzstämme kommen weiterhin zum Einsatz, um die Boote ins Wasser zu schieben. Der Motor hat die Jagd zwar in mancher Hinsicht verändert und vieles erleichtert, doch eines ist bis heute gleich geblieben: Eine Sichtung bedeutet noch lange kein Fang.

Genau das haben wir selbst erlebt. Nach 1 bis 2 Stunden auf dem Meer befanden wir uns auf einmal inmitten einer riesigen Delfinschule. Überall sprangen die Tiere aus dem Wasser und spielten mit ihren Artgenossen. Möglichkeiten für einen Wurf schien es viele zu geben und doch scheiterte es am Timing, an der Koordination und am berühmten Quäntchen Glück. Zweimal sprang der Harpunist vorne vom Boot, zweimal ohne Erfolg.

Gerade darin zeigt sich, wie schwer diese Jagd tatsächlich ist. Von außen sieht vieles simpel aus, in der Realität ist es aber ein Zusammenspiel aus Erfahrung, Instinkt, körperlichem Einsatz und Risiko.

Lamalera-indonesien-Handkunst
Heute haben die Boote hinten einen Motor, wohingegen früher noch bis zu zwölf Mann rudern und zusätzlich mit gesetztem Segel arbeiten mussten

Was wird in Lamalera gejagt?

In den Gewässern rund um Lamalera kommen verschiedene große Meerestiere vor. Dazu zählen unter anderem Delfine, Mantas, Mondfische, Walhaie, Orcas und Pottwale. Entsprechend richtet sich die Jagd nicht ausschließlich auf Wale, auch wenn Lamalera genau dafür berühmt geworden ist.

Wichtig ist dabei aus Sicht der Dorfbewohner: Gejagt wird nicht als Spektakel und nicht aus einer inszenierten touristischen Motivation heraus, sondern als Teil einer Subsistenzkultur, also einer Lebensweise, die auf Versorgung und Selbstversorgung ausgerichtet ist.

Dabei stößt die Jagd in Lamalera bei besonders großen Tieren an praktische Grenzen. Blauwale oder sehr große Pottwale kommen deshalb in der Regel nicht für einen Fangversuch infrage. In Ausnahmefällen kann es dennoch vorkommen, dass auch solche Tiere gejagt werden. Allerdings nur, wenn viele Boote gleichzeitig beteiligt sind.

Jedoch zeigen dabei Erzählungen vor Ort, wie extrem und unberechenbar diese Jagd sein kann. Beispielsweise wurde uns erzählt, dass Boote teilweise hunderte Kilometer aufs offene Meer, durch einen zu großen harpurnierten Wal, hinausgezogen wurden, bevor dieser starb.

Manta-Rochen werden vor allem als Nahrungsquelle genutzt. Ein Großteil des Fangs dient der Versorgung der Dorfgemeinschaft. Gleichzeitig steht der Fang von Mantas heute international in der Kritik, da die Tiere unter Schutz stehen und ihre Bestände als gefährdet gelten. In einigen Fällen gelangen Teile der Tiere auch in regionale Handelsketten, was die Debatte zusätzlich verschärft.

Was passiert nach einem Fang?

Wird ein Tier erfolgreich erlegt, wird das Fleisch im Dorf aufgeteilt.

Wenn es zu viel ist, wird ein Teil an umliegende Regionen weitergegeben, durch Verkauf oder Tausch.

Verwertet wird dabei so gut wie alles: Große Tiere liefern Fleisch, Fett und Öl, andere Bestandteile werden weiterverarbeitet, etwa zu Schmuck oder Gebrauchsgegenständen.

Gerade darin zeigt sich das Selbstverständnis des Dorfes, denn das erlegte Tier wird nicht sinnlos getötet, sondern möglichst vollständig genutzt. Der Harpunist erhält dabei traditionell den besten Teil der Beute beziehungsweise einen größeren Anteil davon.

Kommt ein Boot erfolgreich von hoher See zurück, ist die Stimmung im Dorf entsprechend ausgelassen. Kinder bestaunen das / die erlegten Tiere, Erwachsene organisieren die Verarbeitung, und man spürt sofort, dass ein Fang weit mehr ist als nur Nahrung – er ist ein sozialer Moment, ein Ereignis für das ganze Dorf.

Gleichzeitig wird deutlich, wie früh diese Tradition weitergegeben wird. Viele Jungen träumen davon, eines Tages selbst vorne auf dem Boot zu stehen, ein Lamafa zu werden und das Dorf zu versorgen. Und das obwohl manche bereits erlebt haben, wie gefährlich das Meer ist und dass diese Lebensweise Menschenleben kosten kann.

Lamalera-indonesien-Delfine
Wird ein Tier erfolgreich erlegt, wird das Fleisch im Dorf aufgeteilt. Wenn es zu viel ist, wird ein Teil an umliegende Regionen weitergegeben, durch Verkauf oder Tausch.

Ist der Walfang in Lamalera gefährlich?

Ja und zwar ohne jede Romantisierung.

Schon an Bord selbst gibt es viele Risiken. Seile schießen bei einem Treffer mit enormer Kraft übers Boot, bilden Schlaufen oder verhaken sich. Uns wurden mehrere Geschichten von Unfällen erzählt, bei denen Hände, Füße oder sogar Ohren von den Seilen erfasst und teils schwer verletzt wurden.

Dazu kommt die Kraft des harpunierten Tieres. Nicht selten ist es größer oder kräftiger, als es das Boot problemlos aushalten könnte. Harpunierte Tiere kämpfen letztendlich auch nur um ihr Leben und bringen das Tenne (traditionelles Boot) daher heftig ins Schwanken.

Und dann ist da noch das Meer selbst. Man fährt teils stundenlang hinaus, oft weit genug, dass Wetterumschwünge oder raue See schnell ernst werden können.

Das Dorf selbst haben wir dagegen nicht als gefährlich erlebt – im Gegenteil. Wie so oft in Indonesien waren die Menschen herzlich, hilfsbereit und offen. Gefährlich wird es in Lamalera daher nur auf dem Meer.

Falls euch Lamalera genauso beschäftigt oder fasziniert wie uns, dann schaut gerne auf unserer Website vorbei. Dort teilen wir noch mehr persönliche Geschichten, Erfahrungen und Eindrücke von unseren Reisen – unter anderem auch, wie ein plötzlicher Vulkanausbruch unser Abenteuer im Walfängerdorf beinahe zunichte gemacht hätte.

Kann man als Tourist den Walfang beobachten?

Ja, grundsätzlich ist das möglich. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass man in Lamalera nicht in eine touristisch organisierte Show einsteigt. Hinzu kommt, dass  man sich vorher ehrlich fragen sollte, ob diese Erfahrung wirklich für einen gemacht ist. Denn auch wenn viele Ausfahrten ohne Fang enden, bleibt die Möglichkeit immer vorhanden.

Wichtig zu sagen ist, wer hinausfährt wird nicht priorisiert, nicht bespaßt und nicht in irgendein touristisches Programm integriert. Wenn im Dorf ein Fest stattfindet, ein Feiertag ist oder die Fischer aus anderen Gründen nicht auf Jagd gehen, dann fährt eben niemand. Auch dann nicht, wenn man als Besucher bezahlt oder extra angereist ist.

Genau das unterscheidet Lamalera von vielen anderen Orten, denn hier wird nicht für den Tourismus gelebt. Trotzdem ist auch dieser Ort längst nicht mehr völlig unberührt vom Einfluss des Reisens. Wer heute mit aufs Boot möchte, bezahlt in der Regel dafür. Auch mit Schmuck oder anderen Souvenirs verdienen sich einige Einheimische inzwischen etwas dazu.

Vor über 32 Jahren konnte unser Vater noch ohne Bezahlung mit auf die Jagd gehen und einen Walzahn gegen einen alten Kompass tauschen. Heute ist das selbstverständlich nicht mehr so. Daran zeigt sich, dass selbst ein Ort wie Lamalera, der touristisch kaum erschlossen ist, den Einfluss der medialen Aufmerksamkeit längst zu spüren bekommt.

Schmuck-Lamalera

Unsere Erfahrung auf dem Boot

Auch wir waren mit draußen auf dem Meer, und lange deutete alles darauf hin, dass dieser Tag ereignislos enden würde. Doch dann, aus dem Nichts, waren wir plötzlich von Delfinen umgeben und der Harpunist sprang zwei Mal zum Abwurf ins Wasser, jedoch ohne Erfolg.

Schon das war intensiv genug und ehrlich gesagt waren wir über keinen Jagderfolg schon ein wenig erleichtert. Dann wurde es aber plötzlich hektisch auf dem Rückweg in Richtung Bucht. Alles ging extrem schnell und ohne dass wir richtig realisierten, was gerade geschah, war auf einmal ein Manta harpuniert.

Die Kraft dieses Tieres werden wir nie vergessen. Drei Harpunen später war es tot und mit über fünf Metern Spannweite zu groß, um es direkt an Bord zu ziehen. Also schleppten wir den Manta bei langsamer Fahrt noch stundenlang durchs Wasser zurück bis an den Strand des Dorfes.

Die Gefühle in so einem Moment sind schwer zu beschreiben. Für uns war es kaum greifbar, was soeben vorgefallen war. Für die Menschen an Bord und später im Dorf war es wiederum ein Geschenk. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Lamalera ständig: zwischen persönlichem Unbehagen von außen und einer lokalen Realität, in der ein Fang Versorgung bedeutet.

Kinder im Dorf antworteten uns auf die Frage, welcher Fisch ihnen am besten schmecke, unter anderem mit Wal, Delfin oder Hai. Das zeigt, wie selbstverständlich all das in den Alltag eingebettet ist und wie fremd es gleichzeitig für Außenstehende wirkt.

Trotzdem bleibt die Frage bestehen, ob man selbst dabei sein möchte. Denn natürlich trägt man, sobald man mit hinausfährt, auch ein Stück Verantwortung mit sich. Allein schon durch den Fakt, dass wegen der eigenen Anwesenheit ein zusätzlicher Platz auf dem Boot besetzt ist, um Teil der Jagd zu werden.

Walfang in Lamalera – zwischen Tradition, Ausnahme und Kritik

Gerade weil Lamalera international so bekannt ist, wird immer wieder gefragt, ob der Walfang dort überhaupt legal sei. Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. Indonesien ist kein Mitglied der Internationalen Walfangkommission (IWC), zugleich wird Lamalera aber als Sonderfall betrachtet, weil die Jagd dort nicht als industrieller oder moderner kommerzieller Walfang verstanden wird, sondern als über Generationen gewachsene Form traditioneller Subsistenzjagd.

Daher gilt das Dorf als Ausnahme vom weltweiten Walfangverbot, da die Jagd vor Ort seit Jahrhunderten mit handgefertigten Harpunen und traditionellen Booten (Tenna) betrieben wird. Genau darin liegt der wesentliche Unterschied zu kommerziellem Walfang. Die Jagd ist in Lamalera nicht aus einer modernen Industrie heraus entstanden, sondern aus einer jahrhundertealten Lebensweise, in der das Meer die wichtigste Lebensgrundlage darstellte.

Trotzdem beendet diese Einordnung die Debatte natürlich nicht. Aus Sicht der Menschen im Dorf ist die Jagd weder Spektakel noch grausamer Exzess, sondern Teil ihrer Identität, ihrer Geschichte und ihrer Versorgung. Gerade deshalb greifen rein moralische Urteile von außen oft zu kurz. Gleichzeitig bleibt die Kritik nachvollziehbar. Internationale Beobachter, Tier- und Naturschutzorganisationen sehen Lamalera seit Jahren sehr kritisch.

Und genau in dieser Spannung liegt das eigentliche Dilemma. Auch für uns bleibt es schwer, Bilder von an Land gezogenen Delfinen, Mantas, Orcas oder Walen einfach auszuhalten.

Hinzu kommt die Frage nach der Modernisierung: Früher war die Jagd noch unmittelbarer von Muskelkraft, Wind und Erfahrung abhängig und es herrschte eine gewisse Ausgeglichenheit zwischen Jäger und Gejagten.

Heute verändert der Motor die Bedingungen auf See. Das macht die Jagd nicht automatisch leicht, aber es verändert diese.

Unsere persönliche Einschätzung bleibt deshalb zwiegespalten. Solange der Walfang tatsächlich im Rahmen einer traditionellen Subsistenzkultur bleibt und nicht in kommerzielle Ausbeutung kippt oder für Tourismus inszeniert wird, ist sie aus unserer Sicht anders zu bewerten als industrieller Walfang.

Gleichzeitig sieht man bereits Ansätze, dass auch Lamalera nicht völlig außerhalb wirtschaftlicher Dynamiken steht – etwa dort, wo besondere Teile der Beute verkauft werden oder Besucher für bestimmte Erfahrungen bezahlen. Diese Spannung zwischen Tradition, Selbstversorgung, medialer Aufmerksamkeit und wirtschaftlichem Einfluss wird die Zukunft des Ortes entscheidend mitprägen.

Falls euch Lamalera genauso beschäftigt oder fasziniert wie uns, dann schaut gerne auf unserer Website vorbei. Dort teilen wir noch mehr persönliche Geschichten, Erfahrungen und Eindrücke von unseren Reisen – unter anderem auch, wie ein plötzlicher Vulkanausbruch unser Abenteuer im Walfängerdorf beinahe zunichte gemacht hätte.

Ist Lamalera nur Walfang?

Touristisch betrachtet ja, denn vergleichbare „Sehenswürdigkeiten“ oder klassische Aktivitäten gibt es in der direkten Umgebung kaum.

Aber wer nicht nur als Tourist, sondern als wirklich interessierter Reisender kommt, merkt schnell, dass Lamalera viel mehr ist als Walfang. Das Dorfleben, die Wochenmärkte, die Gemeinschaft, die Einfachheit des Alltags, die Abhängigkeit voneinander. All das ist mindestens genauso prägend.

Man erlebt dort kein für Besucher zurechtgemachtes Dorf, sondern einen Ort, an dem Menschen noch sehr traditionell leben. Genau das macht Lamalera auch dann spannend, wenn man nie ein Boot betritt. Deshalb sollte das Dorf nicht auf die Jagd reduziert werden. Es ist auch ein Ort von Gemeinschaft, Geschichte, Glauben und einer Lebensweise, die in vielen Teilen der Welt längst verschwunden ist.

Unsere persönliche Geschichte mit Lamalera

Warum wollten wir überhaupt dorthin?

Als wir klein waren, erzählte uns unser Vater abends oft Geschichten von seinen früheren Reisen. Eine davon wurde uns nie langweilig: Lamalera, das Walfängerdorf in Indonesien. In unserer Vorstellung war dieser Ort fast schon mythisch. Bilder kannten wir keine. Vielleicht war gerade das der Grund, warum der Ort für uns von so großer Bedeutung wurde.

Als wir dann selbst auf Flores unterwegs waren und plötzlich die Möglichkeit hatten, nach Lamalera zu reisen, war für uns sofort klar: Wir müssen da hin!

Schon auf dem Weg vom Hafen Lewolebas nach Lamalera wurde uns erzählt, dass kurz zuvor ein Orca gejagt und erlegt worden war. Spätestens da war uns klar, dass dieser Ort nicht nur eine Kindheitsgeschichte war, sondern ein Platz, an dem diese Realität tatsächlich bis heute existiert.

Unser Vater war 1993 dort und hatte damals bei Jeffrey übernachtet. Diesen hatte er damals sogar ermutigt, ein eigenes Homestay zu eröffnen. Und genau dieses Homestay fanden wir Jahrzehnte später tatsächlich auf Google Maps wieder.

Vor Ort trafen wir dann denselben Mann, mit dem sich unser Vater vor über 30 Jahren so gut verstanden hat und der heute so etwas wie der Kopf des Dorfes ist. Das Verrückteste war jedoch, dass er sich noch immer an seinen Namen und sogar an den seines Reisekumpels erinnerte, nach über 30 Jahren ohne Kontakt!

Lamalera-indonesien-Erfahrungsbericht

Solche Momente machen Lamalera für uns bis heute fast unwirklich. Unterstützt durch den Fakt, dass als wir ankamen, gerade das Fleisch vom am Tag zuvor erlegten Orca zum Trocknen am Strand aufgehangen wurde. Solche Momente machen erst wirklich begreifbar, wie anders das Leben vor Ort dort ist.

Trotzdem muss man sagen, dass natürlich auch im Walfängerdorf die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen ist.

Unser Vater konnte damals noch einen Kompass gegen einen Pottwalzahn tauschen. Heute kostet so ein Zahn schnell rund 100 Euro.

Auch eine Mitfahrt bei den Fischern hat inzwischen ihren Preis – etwa 750.000 indonesische Rupiah, also ungefähr 40 Euro (ob das aber daran lag, dass Jeffrey einen Freundschaftspreis für uns gemacht hat, wissen wir nicht).

Früher war so etwas schlicht Teil des Dorflebens und nicht an Geld geknüpft. Daran merkt man, dass auch, wenn Lamalera sich nicht dem Tourismus unterordnet, das Dorf natürlich trotzdem von ihm beeinflusst wird. Es wäre falsch zu behaupten, Tourismus spiele gar keine Rolle. Deswegen fällt man als Tourist dort weniger auf, als man es an einem so abgelegenen Ort vielleicht erwarten würde.

Dennoch bleibt Lamalera in unseren Augen einzigartig. Es gibt keinen Einkaufsladen, die Infrastruktur ist überschaubar, und obwohl Straßen in den letzten Jahren verbessert wurden, ist der Weg dorthin immer noch alles andere als bequem und einfach. Die Einheimischen sind zwar aufgrund von Besucher, Journalisten und Filmteams an Kameras gewöhnt, aber nicht an eine Form von Tourismus, die ihren Alltag bestimmt.

FAQ zu Lamalera

Darf man in Lamalera fotografieren?

Im Allgemeinen ja. Foto- und Videoaufnahmen sind die Bewohner gewohnt, weil bereits viele Reporter, Dokumentarfilmer und Fernsehteams den Ort besucht haben.

Trotzdem gilt wie überall: Respekt geht vor. Wer besonders nahe oder intime Momente fotografieren will, sollte vorher fragen. Und auch wenn vieles offen wirkt, heißt das nicht, dass man sich jede Aufnahme einfach nehmen sollte. Freundlichkeit und Zurückhaltung sind hier wichtiger als die perfekte Aufnahme. Nichtsdestotrotz erfreuen sich auch die Walfänger daran, wenn sie später selbst die Aufnahmen von der Jagd oder Drohenshots vom Strand erhalten.

Ist Lamalera nachhaltig?

Diese Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten.

Aus Sicht des Dorfes handelt es sich um eine Form der Subsistenzwirtschaft. Gejagt wird grundsätzlich für die Versorgung, und möglichst alles von einem Tier wird verwertet. Genau das unterscheidet Lamalera von rein kommerziellen Formen der Jagd.

Gleichzeitig bleibt die Tötung großer Meerestiere aus heutiger Perspektive für viele Menschen problematisch – unabhängig davon, ob alles verwertet wird oder nicht. Dazu kommt, dass einzelne Fänge mittlerweile auch wirtschaftlich interessant sein können, etwa durch den Verkauf von Walzähnen an Besucher.

Trotzdem empfinden wir unter den Bedingungen, die in Lamalera herrschen, diese Form der Jagd als nachhaltig. Sie ist keine industrielle Ausbeutung des Meeres, sondern Teil einer Subsistenzwirtschaft, die seit Generationen auf Versorgung, Verwertung und gemeinschaftliches Teilen ausgerichtet ist.

Wann ist Walfang-Saison?

Die Walfang-Saison ist für viele Reisende die entscheidende Frage, wenn sie überlegen, nach Lamalera zu kommen. Gleichzeitig sollte man wissen: Selbst in der Saison garantiert niemand, dass man tatsächlich eine Jagd erlebt oder einen Fang sieht. Generell ist das Meer jedoch zwischen Anfang Mai bis Ende Oktober ruhiger und ermöglicht aufgrund tiefer See und nährstoffreicher Gewässer zwischen Juli bis September ideale Bedingungen für den Walfang.

Wichtig ist trotzdem, dass beispielsweise auch noch im November, als wir da waren, auf die Jagd gegangen werden kann, obwohl online schlichtweg steht, dass dies nicht möglich wäre.

Letztendlich bleibt es aber dabei: Lamalera funktioniert nicht wie ein touristischer Programmpunkt. Man kann zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – und trotzdem passiert gar nichts. Oder eben alles, gerade das macht den Ort so unberechenbar.

Sollte man Lamalera besuchen?

Wir haben in Indonesien unheimlich viele besondere Orte gesehen, aber Lamalera wird für uns immer einer der eindrücklichsten bleiben.

Nicht nur wegen der Möglichkeit, eine Jagd mitzuerleben. Sondern wegen des gesamten Weges dorthin, der Abgeschiedenheit, der Menschen, der Traditionen und dieses Gefühls, an einen Ort gekommen zu sein, der sich trotz aller Veränderungen etwas Eigenes bewahrt hat.

Flores ist, abgesehen von Orten wie Labuan Bajo oder Wae Rebo, nur wenig touristisch erschlossen. Schon allein deshalb ist die Reise zur Insel Lembata, Lamalera ein Abenteuer.

Wer bereit ist, Komfort hinter sich zu lassen, Geduld mitzubringen und sich auf eine Realität einzulassen, die nicht nur schön und leicht konsumierbar ist, wird hier einen Ort erleben, den man so schnell nicht vergisst.

Man sollte Lamalera aber nicht besuchen, um sich an der Jagd zu ergötzen oder auf Sensationssuche zu gehen. Wer nur das Spektakel sucht, ist dort fehl am Platz.

Wer dagegen wirklich Interesse an Kultur, Geschichte, Widersprüchen und einer sehr besonderen Form von Gemeinschaft hat, für den kann Lamalera einer der außergewöhnlichsten Orte Indonesiens sein.

Was wir euch zu Lamalera noch mit auf den Weg geben möchten

Lamalera ist kein Ort für jeden. Und vielleicht ist genau das gut so. Dieser Ort fordert etwas von einem: Offenheit, Geduld, Respekt und die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten.

Nichts am Walfängerdorf ist einfach. Nicht die Anreise, nicht die Lebensweise, nicht die moralischen Fragen. Aber genau deshalb bleibt der Ort im Kopf. Nicht als perfekte Reisedestination, eher als einer der seltenen Plätze, an denen man nicht nur etwas sieht, sondern mit den eigenen Vorstellungen von richtig, falsch, Fortschritt, Tradition und Abenteuer konfrontiert wird.

Falls euch Lamalera genauso beschäftigt oder fasziniert wie uns, dann schaut gerne auf unserer Website vorbei. Dort teilen wir noch mehr persönliche Geschichten, Erfahrungen und Eindrücke von unseren Reisen – unter anderem auch, wie ein plötzlicher Vulkanausbruch unser Abenteuer im Walfängerdorf beinahe zunichte gemacht hätte.

Über die Autoren:

Dieser Gastbeitrag stammt von Bennet und Gerret, Zwillingsbrüdern und leidenschaftlichen Indonesienreisenden. Seit ihrer ersten Reise mit 16 Jahren kehren sie regelmäßig zurück und haben neben bekannten Orten auch viele abgelegene Regionen bereist. Dank ihrer fließenden Indonesischkenntnisse erhalten sie Einblicke, die normalen Reisenden oft verborgen bleiben. Mehr von ihren Abenteuern gibt es auf twinexpeditions.com.



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Melissa Schumacher

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