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Beschneidung Indonesien: Zwischen Tradition und Religion

von Eva Lauterbach

Ein Beitrag von Eva Lauterbach

Mit diesem Artikel möchte ich über ein recht sensibles Thema berichten, nämlich die Beschneidung von Jungen und Mädchen in Indonesien. Als eines der größten muslimischen Ländern der Erde wird dir dieser Ritus vielleicht auf deiner Reise begegnen. Für die Indonesier ist dies ein elementarer Bestandteil der Kultur, für uns eher befremdlich und vielleicht sogar verstörend.

Zu diesem Thema habe ich viele Artikel gelesen, aber eben auch den Einblick in eine indonesische Familie bekommen. Dieser Beitrag bietet nur einen kurzen Abriss und kann das Thema nicht in allen Facetten und mit wissenschaftlichem Anspruch bedienen. Dennoch hoffe ich, dass wir einen kleinen Einblick bieten können und die Beobachtungen zu teilen.

Die Beschneidung von Jungs in Indonesien

Mit der Beschneidung ist – beim Jungen – das Entfernen der Vorhaut des Penis gemeint (auf die weibliche Beschreibung möchte ich weiter unten eingehen) und wird in Indonesien größtenteils aus religiösen Gründen durchgeführt. Es wird aber auch gerne argumentiert, dass die Beschneidung gesundheitlich von Vorteil ist – durch Vorhautverengung oder Bakterien (die sich unter der Vorhaut ansammeln) könnten Probleme entstehen. In einem tropisch-heißem Land wie Indonesien mit verunreinigtem Wasser mag das sogar durchaus Sinn machen, da sich Bakterien im Schweiß schnell vermehren und so Infektionen begünstigen. Es gibt jedoch auch genügend kritische Stimmen, die keinen gesundheitlichen Vorteil sehen, denn die Vorhaut dient auch zum Schutz der Eichel.

Die vor allem muslimisch – sunnitische (aber eben auch jüdische) Tradition der Beschneidung stützt sich auf den Hadith, Berichte aus dem Umfeld des Propheten Mohammed, der der Überlieferung zufolge sogar ohne Vorhaut zur Welt gekommen sein soll. Islamische Gelehrte sind sich uneins, ob die Beschneidung verbindlich oder nur sehr empfehlenswert sei und wie die Vorteile den Risiken einer Operation entgegen stehen.

Beschneidung an sich gab es aber schon bevor der Islam nach Indonesien kam. Deshalb mischt sich auch das Brauchtum mit der Religion.

Tradition und Durchführung

In Indonesien ist die Beschneidung ein Schritt zum Erwachsensein und das wird groß zelebriert. Ist das Kind über 4 Jahre alt, wird es von der Familie befragt, ob es beschnitten werden will. Es soll laut allgemeiner Annahme in diesem Alter schon wissen, dass die Beschneidung ein elementarer Bestandteil der sozialen Gemeinschaft ist. Zudem bekommt man an diesem Tag natürlich sehr viel Aufmerksamkeit und Geschenke, was für die Kinder besonders ist, denn nicht mal der Geburtstag wird normalerweise gefeiert. Für die Jungen ist das ein wirklicher Anreiz

Die Operation selbst wird heutzutage im Regelfall im Krankenhaus durchgeführt, meistens in Kliniken die darauf spezialisiert sind (sogenannte „Beschneidungskliniken“). Eingriffe zu Hause sind nur noch sehr selten, weil zu gefährlich, und wenn, dann nur in ländlichen Umgebungen, die weit von einer Stadt entfernt sind. Die Beschneidung übernehmen in diesem Falle Dorfbewohner oder Hebammen, jedoch häufig ohne medizinisch ausreichende Ausbildung und ohne das richtige Besteck, was dann zu schweren gesundheitlichen Problemen führen kann.

Es gibt auch Programme von unterschiedlichsten Organisationen, die eine Beschneidung kostenlos anbieten. Das kann man durchaus als Festival oder Roadshow bezeichnen, zu der viele Leute kommen – ganz offiziell mit Festessen und Party. Man bezeichnet das als Sunatan Massal (Massenbeschneidung). Die beschnittenem Kinder werden nach dem Eingriff stolz der Masse präsentiert. Manchmal wird die Beschneidung auch in einer Schule durchgeführt, auf abgedeckten Tischen und für viele Schüler gleichzeitig.

Am Tag der Beschneidung wird das Kind dann traditionell Muslimisch angezogen, die Kleidung wird Baju Koko genannt und besteht aus Hemd, Hose und einem Hut (Peci).

Die Nacht vor der Operation kann das Kind dann meist vor Aufregung nicht schlafen, und die Eltern stehen zeitig auf, um Vorbereitungen zu treffen und zu kochen. In den Wochen zuvor hat die Familie in dem ausgewählten Krankenhaus einen Termin für einen bestimmten Tag gemacht und das Behandlungsgeld direkt bezahlt. Eine Standard-Beschneidung kostet ungefähr 320.000 Rupiah. Dies ist gerade für sehr bedürftige Familien sehr viel Geld, weshalb die Beschneidung in diesen Fällen oft von unausgebildeten Leuten unter widrigen Bedingungen durchgeführt wird. Es gibt aber Vereinigungen, die Spenden sammeln, um die Beschneidung für arme Familien zu finanzieren.

Die Kliniken öffnen in den frühen Morgenstunden (ab ca. 4 Uhr). Jetzt schon stehen die Leute Schlange um möglichst zeitig wieder entlassen zu werden. Man zieht eine Nummer und wartet auf den Termin. Das zu beschneidende Kind und maximal zwei Erwachsene bereiten sich dann auf die Operation vor. Dennoch kommt in fast allen Fällen ein großer Teil der Familie mit, sodass es in diesen frühen Stunden bis in die späte Nacht äußerst lebhaft und laut zugeht. Wer jedoch mehr Geld hat, geht in eine kleine Privatklinik, die dann mit Laser arbeiten und eine insgesamt bessere technische Ausstattung haben. Dort sind auch weniger Personen und das ganze ist privater und sicherer.

Man versucht  in Indonesien, die Jungen noch unter 6 Jahren zu beschneiden, da das Schamgefühl dann noch nicht ausgereift ist. Allgemein wird angenommen, dass wenn man über 6 oder gar über 10 Jahre alt, seine Sexualität realisiere und man sich vielleicht in der Schule schäme oder gehänselt wird. Im jungen Alter aber bekomme man von der Prozedur und dem Schmerz weniger mit, so die Eltern.

Die Beschneidung selbst wird größtenteils von einem Arzt durchgeführt, manchmal aber auch nur von einer Schwester oder Hebamme. Der Eingriff wird aber nur durchgeführt, wenn das Kind gesund ist und geschieht unter örtlicher Betäubung. Eine Spritze wird den Jungen in den Schaft verabreicht, für die Entfernung der Vorhaut gibt es dann je nach Alter des Jungen unterschiedliche Techniken. Danach wird die Wunde vorsichtig genäht.

Während der Operation wird der Junge so gut wie es geht abgelenkt, entweder durch die Eltern oder manchmal auch durch eine Spielekonsole. Nach erfolgtem Eingriff muss der Junge nicht im Krankenhaus bleiben, sondern wird direkt entlassen. Eine Vollnarkose ist unüblich, da es sich meistens um eine Massenabfertigung mit mehreren Hundert Kindern am Tag handelt und das Aufwachen zu viel Kapazitäten und Betten benötigen würde. Die Kinder sind also ziemlich direkt wieder einsatzfähig, es wird ein dünner Verband angelegt, den sie schon nach einigen Tagen wieder entfernen dürfen.

Die Feier nach der Beschneidung

Zuhause wartet dann der Rest der Familie mit dem vorbereiteten Essen und die Feier kann offiziell beginnen. Manchmal wird das Fest auch groß in der Moschee angekündigt, manchmal wird dies aber auch nur im engeren Familienkreis gefeiert.

Prinzipiell gilt: Je mehr Geld man hat, desto mehr Leute werden eingeladen. Die Gäste wiederum verschenken Geld als Glückwunsch und das wird von den Familien dankend angenommen und wird ganz oft für die Ausbildung des Kindes beiseite gelegt. Als Dankeschön erhalten die Besucher ein kleines Gastgeschenk im Gegenzug.

Je nachdem wir reich die Familie ist, werden noch Künstler und Performer eingeladen, um die Besucher zu unterhalten. Für Jawa Barat zum Beispiel sind Drachentänze (Sisingaan) typisch. Die Jungen werden auf selbst gebastelten Löwen, von Männern getragen, durch das Dorf chauffiert. Die Kinder tragen glänzende lange Hosen und lange Oberteile und das traditionelle Kopfband (Ikat). Die Männer tragen meist gelbe Hemden und auch den Ikat. Dabei werden sie von der indonesischen Oboe (Tarompet) begleitet. Dies wird aber leider immer seltener. Am ehesten kannst du dem Schauspiel noch in Subang zusehen.

Auf dem Grundstück der Familie werden Zelte mit Essen und Musik aufgebaut. Das Kind sitzt dann auf einem Podest und wird von den Gästen gefeiert. Bei großen Veranstaltungen sind es dementsprechend mehr Kinder, die aufgereiht den Erwachsenen gegenüber sitzen. Bei einer öffentlichen Massenbeschneidung findet die Operation dann auch während der Feier unter aller Augen statt.

Ein wichtiger Punkt der Zeremonie ist schließlich die Danksagen der Familie, Syukuran genannt. Dabei wird der Koran zitiert und gebetet und danach wird dann endlich gegessen. Dafür kocht entweder die ganze Familie den Tag zuvor oder es wird extra ein Catering bestellt. Je nach Gegend gibt es die für dort typischen Gerichte und – wie üblich in Indonesien – löst sich nach dem Essen die Gesellschaft langsam auf.

Die Beschneidung von Mädchen in Indonesien

Dieses Thema ist sehr heikel und mir persönlich ein Anliegen, denn so viel man auch diskutiert und liest, es gibt einfach kaum bis keine überzeugenden Argumente für eine Beschneidung von Mädchen. Ich selbst habe mich, um so gut wie möglich informiert zu sein, in das Thema intensiv eingelesen und auch Indonesier befragt. Dennoch kann ich natürlich hier nur einen oberflächlichen Beitrag verfassen. Wer sich selbst informieren möchte, der findet weiter unten Links zu einigen Quellen.

Die Beschneidung von jungen Mädchen ist in Indonesien noch immer Gang und Gebe. In Interviews oder auch in der Bevölkerung hört man häufig, dass die Mädchen so zu guten Muslimas würden, da ihr Sexualtrieb verringert würde. Dennoch werden weibliche Beschneidungen nie so zelebriert wie eine Beschneidung von Jungen. Es geschieht meist hinter zugezogenen Vorhängen und ohne große Aufmerksamkeit. Selbst mein Freund kannte die weibliche Beschneidung nur vom Hörensagen.

Man muss aber auch erwähnen, dass das Land selbst zerrissen ist – zwar würde die Beschneidung für Mädchen empfohlen, aber viele liberale Religionsgelehrte, Ärzte und Hebammenverbände so wie Frauenvereinigungen sprechen sich eindeutig gegen dieses Ritus aus. Es steht weder direkt im Koran, noch ist es gesundheitlich von einem erwiesenen Vorteil. Die Indonesier selbst kennen das nicht anders, denn die Beschneidung ist eine alte Tradition und tief im Brauchtum verwurzelt. Zwar langsam, aber stetig findet ein Umdenken statt.

Der Zeitpunkt der Beschneidung ist entweder direkt nach der Geburt des Mädchens oder kurz vor der Pubertät. Im Gegensatz zur Vollbeschneidung, wie sie u.a in Afrika praktiziert wird, soll nur die Haut der Klitoris eingeritzt werden. Häufig fehlt aber auch hier die Ausbildung der Beschneider und somit wird mehr entfernt als gewünscht.

Das Problem: Den Eingriff führen meist unausgebildete Hebammen mit falschem Besteck und ohne Betäubung aus. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass gerade Neugeborene sich dieser Entscheidung nicht verwehren können. Und trotzdem sieht man in vielen Krankenhäusern Flyer mit der Werbung für die Beschneidung der Mädchen. Selten werden Massenbeschneidungen in Schulen durchgeführt.

Die gesundheitlichen Risiken der Beschneidung des Mädchens sind höher als bei einem Jungen und haben eigentlich gar keine Vorteile. Durch die meist unsachgemäße Entfernung der Klitoris(spitze) kommt es vermehrt zu Harnwegsinfekten, aufsteigenden Infektionen, Schmerzen beim Wasserlassen und Geschlechtsverkehr, Sepsis, Inkontinenz und Sterilität. Ganz abgesehen von dem Trauma dass die Kinder erwartet. Es ist noch immer so, dass Tradition hier über dem gesunden Menschenverstand steht. Die Mütter selbst sind meist die treibende Kraft und befürworten die Beschneidung. Auch einige konservativ-religiöse Vertreter bestehen immer noch auf die Beschneidung als Recht und üben so einen Druck auf die Regierung aus – Indonesien ist zwar kein religiöser Staat, aber das größte muslimische Land der Erde und somit hat die Religion generell großen Einfluss auf die Politik.

Die Regierung selbst hat die Beschneidung nach großem Druck bei „richtiger Durchführung“ erlaubt, was aber Auslegungssache ist und den Ärzten einen großen Markt eröffnet.

Seit Kurzem versucht die Regierung nun aber stärker zu kontrollieren und gegen die Genitalverstümmelung vorzugehen. Die Dunkelziffern ist immer noch hoch sind und das Problem tief im Brauchtum und der Tradition verwurzelt. So wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich der Gedanke durchsetzt, dass es sich hier um eine Menschenrechtsverletzung handelt. Doch Organisationen und Regierung kämpfen weiter.

Wer den Kampf gegen die Genitalverstümmelung unterstützen will, kann (Frauenrechts-) Organisationen wie Amnesty International oder Femmes des Terres unterstützen.

Quellen: Frauenrechte , Jakarta Post , Guardian , Wikipedia , USAID Report

Text und Fotos: Eva Lauterbach

Über die Autorin: Hallo, mein Name ist Eva und auch mich hat das Indonesien Fieber gepackt. Ich liebe das Reisen, seit einiger Zeit nun vor allem nach (Südost-)Asien. In Bandung habe ich vor kurzem für vier Monate ein Praktikum am Goethe-Institut Indonesien absolviert und konnte einen tiefen Einblick in die Kultur gewinnen. Leider habe ich bisher nur einen Bruchteil der Inseln gesehen, und kann nicht abwarten, wieder zurückzureisen.

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2 Kommentare

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2 Kommentare

Mario 27. Dezember 2016 - 3:35

Es gibt auch für die Beschneidung von Jungen keinen wirklichen medizinischen Vorteil. Die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten erreicht man durch die Verwendung von Kondomen, bakterielle Infektionen verhindert gerade die Vorhaut mit in ihr produzierten antibakteriellen Sekreten. Die nebenbei auch die Haut der Eichel feucht halten und vor Verlederung/Abstumpfung schützen

Im Übrigen hast du dich offensichtlich gar nicht informiert, sonst würdest du die Genitalverstümmelung von Jungen nicht als Bagatelle darstellen.
Es ist ein medizinischer Eingriff, der deiner Schilderung nach, zum Teil noch nicht mal von Medizinern durchgeführt wird und einen wichtigen Körperteil des Jungen unwiderruflich abtrennt.

Ein Hohn ist es, das bloße Einritzen der Klitorishaut (oder -vorhaut) in dem Zusammenhang als gefährlicher und riskanter darzustellen.

Ich möchte dir nicht den Appetit verderben, es sind im Internet durchaus Bilder von beschnittenen Penissen zu finden, die zeigen, wie harmlos und risikolos die männliche Genitalverstümmelung ist.
Wenn du dich zu Recht als informiert bezeichnen willst, kannst du ja gerne mal bei Google anfragen.

Ansonsten ist grundsätzlich beides abzulehnen, also die Genitalverstümmelung von Mädchen, als auch die Genitalverstümmelung (hier verharmlosend als Beschneidung bezeichnet).
Medizinisch indiziert ist so ein Eingriff in der Regel nicht, das Grundrecht auf die körperliche Unversehrtheit wird in jedem Fall verletzt, ebenso das Recht auf Religionsfreiheit. Beschnittene Jungen sind für den Rest ihres Lebens als Moslem oder Jude ge(kenn)zeichnet. Und mit einem Alter von 4+ Jahren sicherlich noch nicht einwilligungsfähig.

https://beschneidung.die-betroffenen.de/blog/afrikanische-betroffene-kommen-zu-wort-die-dunkle-seite-von-who-unicef-ua/

Antworte Mario
Eva Lauterbach 28. Dezember 2016 - 1:51

Hallo
Vielen Dank für deinen Kommentar.

Dieser Artikel bagatellisiert nicht und das war auch nicht die Absicht.
In Rahmen dieses Blogs habe ich mich zu einer sachlichen und neutralen– kaum wertenden Beschreibung des Zustandes in Indonesien entschieden und stellt auch keine persönliche Meinung da.

Er soll jedoch zur kritischen Diskussion anregen
Er ist eine Beobachtung der Vorgänge vor Ort.

Antworte Eva

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