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3 verrückte Stories aus Indonesiens wildem Osten

von Melissa Schumacher

Ein Beitrag von Kaspar Anderegg 

Der wilde Osten Indonesiens ist anders. Geografisch gehört Papua schon zu Ozeanien. Die ursprünglichen Bewohner sind keine Asiaten, sondern Melanesier. Zusammen bilden sie über 300 Stämme.

Noch heute werden etwa 25 unkontaktierte Ureinwohnerstämme in den abgelegensten Regionen Papuas vermutet.

Im Großen und Ganzen ist die Zivilisation jedoch schon längst in Papua angekommen – und damit viele Indonesier aus dem Westen, die, von der Regierung unterstützt, im unberührten Papua eine neue Zukunft und ein besseres Einkommen suchen.

Zwei kulturelle Welten prallen aufeinander, zwischen unberührter Natur, und vordringender Zivilisation. 

Klar kommen somit auch die wildesten Reisegeschichten aus dem wilden Osten. In diesem Beitrag erzähle ich dir meine drei verrücktesten Stories aus Papua.

1 | Diebstahl im Stammesdorf

Mein Reisepass ist weg!

Und mein Geldbeutel!

Ich bin im Dorf Kilise bei den Ureinwohnern des Dani-Stamms. Hier habe ich für die Übernachtung eine traditionelle Hütte mit Strohdach gemietet.

Mit Karl-May-Fantasien im Unterbewusstsein habe ich mich hier sicher gefühlt. Oder auch: Die Hütte hatte sowieso kein Schloss.

Ein geklauter Reisepass ist eine geklaute Reise. Ohne geht’s nicht weiter.

Vor mir stehen das Jayawijaya-Gebirge und Ureinwohnerstämme – vielleicht das Abenteuer meines Lebens.

Zum Glück habe ich gestern während einer Einladung zum Abendessens schon Freunde gefunden – perfekte Gastgeber und ein weiterer Grund, warum ich mich hier so sicher gefühlt habe.

Das Dani-Ehepaar bringt mich sofort zum Dorfoberhaupt von Kilise.

10 Minuten später ist das ganze Dorf auf den Beinen. 30 Minuten später ist der Dieb gefunden.

Ich sitze mit großen, erstaunten Augen in der Hütte des Dorfoberhaupts. Der Dieb, ein Teenager aus dem Dorf, sieht aus, als würde er seinen Fehler in den nächsten Jahren keinesfalls einsehen. Trotzig und stolz lässt er sich in die Hütte schubsen. Immer mehr Leute betreten die Hütte. Der Diebstahl ist scheinbar Dorfangelegenheit.

Zwar wurde der Dieb gefunden, doch der Teenager weigert sich kurzerhand zu verraten, wo er meine Wertsachen versteckt hat. Nach 15 Minuten Verhör, geführt vom Dorfoberhaupt, unterstützt von den Ohrfeigen der beschämten Mutter des Jungen, untermalt von den stoisch-wütenden Blicken der Dorfgemeinschaft, wird es dem Häuptling zu viel. „Bindet ihn an den Pfahl!“

Das wirkt. Als der Junge das Seil sieht, gibt er auf.

Begleitet von zwei Männern aus dem Dorf, holt er meine versteckten Wertsachen: Reisepass, Geldbeutel, Zigaretten, ein Kugelschreiber und vier Kaugummis. Ich werde gebeten, genau zu überprüfen, ob ich alles wieder zurückhabe, was ich mit Freude bestätige.

Glücklich über meine gerettete Reise, will ich in meine Hütte. Es ist 10 Uhr nachts und ich bin müde.

An Schlaf nicht zu denken



„Das geht leider nicht.“, meint das Stammesoberhaupt.

Meine Dani-Freunde klären mich auf: Jetzt werde besprochen, wie ich für den Diebstahl entschädigt werde.

Bei den Dani ist Diebstahl keine kleine Sache, sondern eine Frage der Dorfehre, die angeschlagen ist. Dass ein Gast beklaut wurde, macht die Sache nicht besser. Hier ist Gastfreundschaft ein wichtiger Bestandteil der Kultur.

„Was werden die anderen Dörfer jetzt über uns reden? Kilise, da beklauen sie ja sogar ihre Gäste!“

Das ganze Dorf redet mit, Meinungen werden eingeholt. Erst jetzt fällt mir auf, wieviel Autorität die Frau des Dorfoberhaupts hat. Sie führt die Gespräche, unterbricht, hört zu. Ihr Mann nickt ab und zu und bespricht sich mit seiner Frau.

Nach zwei langen Stunden und einem Wort des Dorfchefs, scheint die Verhandlung vorbei zu sein. Immer mehr Menschen verlassen die Hütte. Und kommen mit Geld zurück, dass sie dem Dorfoberhaupt in die Hand geben.

Endlich werde ich aufgeklärt. Der Häuptling und seine Frau werden sich jetzt im Namen des ganzen Dorfes bei mir entschuldigen und mir die beschlossene Entschädigung in die Hand geben.

Beide verbeugen sich leicht vor mir, als sie mir die Hand zur Entschuldigung reichen, zusammen mit 1‘800‘000 indonesischen Rupiah. Die Menschen hier haben kaum Einkommen und leben noch sehr autark, bauen ihr eigenes Gemüse an, und sind naturverbunden.

Geld spielt hier noch nicht die Hauptrolle. Ich bin überzeugt, dass das Dorf tief in die Taschen greifen musste, und fühle mich unglaublich unwohl.

Darf ich das Geld ablehnen?

„Das geht leider nicht. Der Häuptling hat gesprochen. Und sein Wort ist Gesetz. Wenn du das Geld ablehnst, stellst du dich gegen sein Wort. Er wird denken, dass du mit der Entschädigung nicht zufrieden bist, und sich in der Ehre gekränkt fühlen. Du musst das Geld annehmen.“

Um 1‘800‘000 reicher und wieder im vollen Besitz meiner Wertsachen, laufe ich zurück in meine Hütte. Ich fühle mich geehrt, bin tief berührt und erstaunt, wie mir geholfen wurde, und wie ernst die Dani ihre Regeln umsetzen.

Doch was passiert mit dem Dieb?



Die Ohrfeigen haben dem Teenager anscheinend nicht geschadet. Als ich am anderen Tag zum Mittagessen eingeladen werde, sehe ich den Jungen beim Kochen – höchst widerwillig.

Die Frau redet lieb auf ihn ein und versucht ihn zu erziehen. Die Arbeitsstrafe bringt nicht viel.

Schon ist er alleine. Schon sieht er mich. Und bettelt mich mit lauter Stimme frech um Kaugummis, Geld und Zigaretten an.

Mit reuelosem, funkelnden Augen gibt er mir zu erkennen, was er von der Sache hält: Wie konnten die Erwachsenen ihn nur um seinen Fund bringen!

Irgendwie sind Teenager doch am Ende alle gleich.

Eine Frage bleibt: Wie hätte ich anders aus dieser Situation entkommen können, ohne das ganze Dorf einbeziehen zu müssen? Auf die Zigaretten, den Kugelschreiber und die Kaugummis hätte ich natürlich verzichten können, aber ohne Reisepass und Geldbeutel wäre ich hier einfach aufgeschmissen gewesen.

Die Bewohner von Kilise sind nicht nur freundlich, sondern leben auch noch sehr traditionell

Die Bewohner von Kilise sind nicht nur freundlich, sondern leben auch noch sehr traditionell

2| Inselkauf und Kokospalmen

Misool liegt im Süden Raja Ampats und ist das absolute Paradies. Hier wurden meine Träume zerstört – auf die schönste Art und Weise.

Misool ist nämlich überwältigend paradiesischer als meine Vorstellungen es waren: Traumstrände, hunderte kleine Inseln, bizarre Felsformationen, atemlose Aussichten, freundliche Locals – und tief im Ozean liegt ein weiteres Paradies versteckt. Hier reihen sich die artenreichsten Riffe der Welt aneinander, in Farben und Formen, die nur eine Frage aufwerfen: Ist das real?

Seit meiner ersten Misool-Reise träume ich von einem Ferienhaus auf einer kleinen Insel. Einen Rückzugsort zum Schreiben. Einen Ort, wo ich völlig frei sein kann.

Zusammen mit einem lokalen Freund fange ich an zu planen. Wir schauen uns Inseln an, er klärt mich über die Besitzverhältnisse auf. Ich bin begeistert.

Doch es soll alles anders kommen, als von mir gewollt. Die Kokospalmen werden meine Pläne zerstören.

Misool ist abgelegen. Die kleinen, unbewohnten Inseln haben keine Süßwasserquelle. Hier gibt es kaum Infrastruktur. Die Versorgung mit Material und Nahrung wird vermutlich ziemlich schwierig sein.

Mir wird klar: Ich müsste die Insel so autark wie möglich machen: Mit Regentanks, Garten und Solarpanels. Um lange und teure Transporte zu vermeiden, müsste auch das Baumaterial möglichst von der Insel kommen.

Ein Robinson-Crusoe-Traum!

Die von mir auserwählte Insel ist 1000 Meter lang und 400 Meter breit.

Mitten im Nirgendwo.

Es hat einen kleinen Bach aus salzigem Sumpfwasser, dementsprechend einen Sumpf voller Moskitos und Dschungel.

In den Baumwipfeln singen Kakadus und Nashornvögel, ein Adler zieht seine Kreise.

Auf der einen Seite der Insel liegt ein langer Standstrand – mit Traumaussicht auf die felsigen Nachbarinseln und ein Meer, das Blautöne erfunden hat.

Auf der anderen Inselseite sind eine kleine Klippe, und ein Tauch- sowie mehrere Schnorchelspots. Ein wahr gewordener Robinson-Crusoe-Traum!

Dass ich von hier aus mindestens dreissig weitere Schnorchel- und Tauchspots, plus viele Sehenswürdigkeiten von Misool recht schnell erreichen könnte, rundet meinen Traum zum Kreis.

Perfekt! 

Doch ich brauche Investoren. Aus der Ferienhütte ist längst ein geplantes Grossprojekt geworden: Eine naturverbundene, kleine Hippie-Bungalowsiedlung für mich – sowie ein Resort für die möglichen Investoren.

„Ökologisch ja, aber da muss was laufen, vielleicht gleich weitere Inseln dazukaufen, und wir schmeissen für den Anfang 30 Bungalows hin.“

Irgendwann finde ich eine Einigung. Alles passt. Mir ist klar: Es wird ein Riesenhaufen Arbeit und Verantwortung auf mich zukommen.

Aber hey: Es ist Arbeit im Paradies, und ich lebe einen Menschheitstraum. Ich werde eine eigene Insel besitzen, 1000 Meter lang und 400 Meter breit.

Von den Kokospalmen zum Militär



Die Verhandlungen beginnen. Mein lokaler Freund klärt mich auf: „Die Besitzansprüche werden hier nach Kokosnusspalmen geregelt. Jede Familie, die auf der Insel eine Palme besitzt, hat einen Anspruch auf die Insel.“

Und die Insel hat viele Kokospalmen.

Somit haben viele Familien – indonesische Grossfamilien – aus drei Dörfern Besitzansprüche auf die Insel.

Doch die Verhandlungen laufen super, fast jeder nimmt meine Pläne mit Begeisterung auf. 

Die Insel lässt sich zwar nicht kaufen, aber mieten, und das sogar relativ günstig.

Ich müsse für alle Arbeiten, die von Locals erledigt werden können, Mitarbeitern aus den Besitzerfamilien den Vorrang geben. Diese würden die Insel dann auch beschützen.

Doch zuerst müsse ich die religiösen Autoritäten um Erlaubnis bitten – und mit denen sei nicht gut Kirschen essen. Die seien untereinander zerstritten, und es hätte gute Gründe, warum niemand sie möge.

„Die Kokospalmenbesitzer mögen uns nicht, weil wir öfters deren Pläne durchkreuzen“, erklären mir die religiösen Autoritäten.

Wie es aussieht, hat die „Petuhanan“, die religiöse Autorität, die Befugnis Baubewilligungen zu erteilen – oder eben nicht.

Wir einigen uns schnell. Ich kann auf der Insel nach vorheriger Absprache mehr oder weniger machen, was ich will. Gerne könne ich meine Pläne auf weitere Inseln ausweiten.

Einige traditionelle Gepflogenheiten müssen eingehalten werden, unter anderem sei es empfehlenswert vor Baubeginn eine Kuh zu opfern, um Pech abzuwenden.

Ich werde gefragt, wieviel Umschwung ich brauche, das heisst, wie viele Meilen Meer und Korallenriffe ich kontrollieren will. Soweit habe ich nicht gedacht.

„Wir können dir alle Bewilligungen erteilen, doch unsere Mittel zur Umsetzung des Rechts in diesem abgelegenen Gebiet sind sehr beschränkt. Am besten stellst du einige Locals aus dem Militär an, die für Sicherheit sorgen, und mit unbefugten Eindringlingen in deinem Meerraum oder auf deiner Insel reden. Es ist wichtig, dass diese bewaffnet sind.“

Eine kleine Privatarmee für den Inselbesitzer also. Ich sehe mich schon als König eines Kleinstaats. Doch ich habe ein ungutes Gefühl. Ich mag das Militär nicht. Und Waffen noch weniger. Immerhin: Gewalt dürfe nur in Notwehr angewendet werden.

Die religiöse Autorität und die Kokospalmenbesitzer sind also auf meiner Seite – zumindest zum Grossteil. Die anderen solle ich einfach übergehen. Sobald diese merken, dass Arbeitsplätze und Einkommen geschaffen werden, würden sie schon umschwenken. Grundsätzlich könne ich auch ohne jegliche Einwilligung der Besitzer bauen. Das Wort der religiösen Autorität stehe über den Worten der Kokospalmenbesitzer.

Auch nach indonesischem Recht ist Kokospalmenbesitz nicht gleich Inselanspruch. Allerdings würden mir dann die übergangenen Locals mit Sicherheit Probleme machen.

Jetzt käme noch das indonesische Recht zum Zug. Die Lizenz muss mit den Behörden in Waisai besprochen, die Inselansprüche zertifiziert und alles vertraglich abgeregelt werden. Das sei alles kein Problem. Die Behörden seien dem Projekt gegenüber offen eingestellt, man habe sich da schon informiert.

Hier kennt jeder irgendwen, und wenn alle Ecken abgelaufen sind, kennt sich zuletzt jeder.

Das Paradies macht euphorisch



Doch ich fühle es. Die Dorfatmosphäre hat sich geändert. Ich werde plötzlich mit einem Respekt behandelt, den ich nicht verdiene. Fremde scheinen mich zu kennen. Mein lokaler Kontakt hat Feuer in den Augen.

Man will das Projekt schnellstmöglich unter Dach und Fach bringen. Der Geruch des Geldes weht durch das Dorf.

Viele Familien sind an der Insel beteiligt. Niemand verschenkt eine Insel. Niemand verschenkt Baubewilligungen. Niemand verschenkt Lizenzen für ein Grossprojekt in einem Nationalpark, so ökologisch und langfristig positiv es auch ist: Ökotourismus als Einkommen und Bestätigung für die Schutzwürdigkeit der Region.

Ich sehe auf mich zukommen: Schule, Spital, Heirat, kannst du helfen, ich gehöre jetzt ja zur Familie.

Natürlich wird es kein Zwang sein. Die Verträge stehen da. Doch in dieser Region wäre ich zuletzt immer Aussenseiter. Hier sind das Ansehen, die Zufriedenheit der Locals, die Traditionen wichtiger, als Verträge und indonesisches Recht.

Vielleicht würden plötzlich kleine Dinge schiefgehen. Oder die Angestellten nicht mehr gut arbeiten. Die Materiallieferungen würden sich verzögern. Ich kann einer kleinen Gruppe von Menschen vertrauen, aber einer Hundertschaft von Teilbesitzern?

Zuletzt wäre ich verantwortlich. Vor den Locals und vor dem Investor. Ich hätte mein Ferienhaus im Paradies, an der schönsten Ecke der Insel, mit 500 Quadratmetern Umschwung, und privatem Riffzugang – vom Investor zugesichert.

Doch ausserhalb dieser 500 Quadratmeter könnte das Paradies die Hölle werden – aufgerieben zwischen Arbeit, Locals und Investor, zwischen den über 100 Kilometer Meer vom Nirgendwo in die nächste Stadt, zwischen Herausforderungen, von denen ich noch keine Ahnung habe.

Ich breche den Plan ab.

Nach einer längeren Diskussion ist auch mein Investor froh darüber. Das Paradies macht euphorisch. Bei manchen endet das in einer harmlosen Urlaubsliebe, bei den ganz begeisterungsfähigen im Kauf einer 1000 Meter langen und 400 Meter breiten Insel.

Zum Glück enden manche Tropenträume, bevor sie Realität werden, denke ich mir glücklich auf Bali und geniesse die Infrastruktur eines köstlichen Smoothie in der bequemen Lounge. Auch ein Tropentraum!

Misool - ein konstantes Naturwunder

Misool – ein konstantes Naturwunder

3 | Was ist in Roon passiert?

Mamurem, eine kleine Insel im Roon-Archipel. Ich bin auf Entdeckungsreise und gerade erst mit dem Boot angekommen – zusammen mit der Crew und ihrer Familie im Schlepptau.

Plötzlich legt ein weiteres Boot an. Ein Streitgespräch zwischen Crew und Neuankömmlingen beginnt. Wir hätten keine Camping-Bewilligung für diese Insel. Das sei aber kein Problem, meint der Bootskapitän. Er regle das.

Als die Locals plötzlich auch ein Camp auf der Insel aufschlagen, frage ich lieber selber nach: „Ist es okay, wenn wir hier campieren?“

„Kein Problem, fühlt euch frei!“

In Papua ist es wichtig unterschwellige Stimmungen zu erkennen. Vieles wird nicht gesagt. Im Ungesagten können ungeschriebene Regeln sein, deren Befolgung als Selbstverständlich angesehen wird.

Das in dieser Gegend für fast jeden Ausflug eine mündliche Erlaubnis eingeholt werden muss, die Leute sehr stolz sind und von westlichen Vorstellungen weder Ahnung noch Verständnis haben, wusste ich im Voraus.

Weil meine Nachfrage aber positiv beantwortet wird, habe ich das als Erlaubnis zum Campieren verstanden. Zudem ist es später Abend. Ich bin todmüde. 

Die Locals fühlen sich auf jeden Fall sehr frei.

Um 5.30 morgen, pünktlich zum Sonnenaufgang, beginnt die Party aus lautem Papua-Pop, schreienden Kindern und kochenden Müttern. Nur die Männer gehen es mit Zigarettenrauchen ruhig an. An Schlaf ist so nicht zu denken.

Ich stehe auf, und erkenne in den Köstlichkeiten der kochenden Mütter ganz klar unsere Eier und unser Gemüse wieder – eigentlich für die lange Reise streng rationiert. Die Mütter streiten es ab. Die Männer schauen missmutig aus. Hier will ich keinen Streit verursachen.



Ein verhängnisvoller Fehler

Ich bitte den Bootskapitän darum, mit den Locals zu reden. Anscheinend sind die Crew und die Inselbesitzer entfernt familiär verbunden. Wo sollte also das Problem sein?

Auch am nächsten Tag ändert sich nichts. Die Nahrungsvorräte schwinden. Ich schicke die Crew zum Einkaufen nach Wasior, einer Kleinstadt, die etwa 1,5 Stunden entfernt ist. Nach 16 Stunden, um 6 Uhr morgens kommen sie zurück – betrunken. Mit meinem Geld.

Meine Nerven sind am Ende. Ich mache einen verhängnisvollen Fehler. 

Ich raste aus, stauche den betrunkenen Bootskapitän vor seiner ganzen Familie zusammen. Einige Locals hören mit. Als dieser wütend aufsteht, und schreiend den Strand abläuft, erkenne ich meinen Fehler sofort. Der stolze Mann hat sein Gesicht verloren – an einem Ort, wo sich die Nachricht überallhin verbreiten wird.

„Wie kannst du es wagen, dich so zu verhalten? Ohne mich bist du hier verloren. Du hast zwar das Geld, aber ich habe die ganze Crew, das Boot und die Ausrüstung!“

Ich kenne Indonesien und den Gesichtsverlust. Papua und den Gesichtsverlust kenne ich noch nicht.

Trotzdem vermeide ich solche Situationen sonst immer um jeden Preis. Hier wäre konstruktives Verhandeln angesagt gewesen. Leider habe ich im Affekt gehandelt. 

Um keinen weiteren Ärger zu verursachen, setze ich mich einfach, und lasse den Kapitän rumschreien. Auf keinen Fall will ich weiteren Ärger provozieren.

Plötzlich wirft die Mutter einen Topf aus heißem Wasser in Richtung ihres Sohns. Dieser zückt sofort seine Machete. 

Die Mutter fällt in Ohnmacht – und wird den ganzen Tag nicht mehr aufstehen.

Der Bootskapitän und einige Familienmitglieder reisen mit dem Boot schlagartig ab – im Rausch der Wut.

Ich rede mit dem Sohn. Das sei alles kein grosses Problem. Ich solle dem Kapitän jetzt unbedingt bis zum Abend Zeit lassen, um seinen Rausch auszuschlafen. Die Mutter käme auch bald wieder auf die Beine.

Geladen



Am Nachmittag legt ein Boot der Regierung an. Natürlich riechen sie das Geld. Die fehlende Bewilligung kostet plötzlich 60 Euro, statt wie üblich nur ein Treffen mit Kaffee.

Ich solle das nächste Mal unbedingt eine andere Crew nehmen, meint der Chef der Tourismusbehörde.

Auf meine Bitte hin, mich ins Dorf zu bringen, wo der Kapitän anscheinend seinen Rausch ausschläft, fahren wir zusammen los.

Der Kapitän trinkt gemütlich Kaffee, als wäre nichts passiert. Ich weiss, dass er in der Klemme steckt. Er hat nicht nur sein Gesicht verloren. Er steht vor dem ganzen Dorf da, wie ein betrunkener Idiot, der sich nicht unter Kontrolle hat.

Zudem hat er dem Dorf geschadet, das ein Ökotourismus-Projekt am Laufen hat, und dringend auf (fast nie kommende) Touristen und ein gutes Image angewiesen ist.

Mit der Tourismusbehörde bespreche ich die Möglichkeit, Boot und Crew zu wechseln, und mit einem Beamten der Regierung weiter zu reisen – zu einem ziemlich hohen Preis.

Der Kapitän aber garantiert: Alles sei wieder in Ordnung, er sei auch nicht mehr wütend. Das seien Familienprobleme, mit denen ich nichts zu tun hätte. Er entschuldige sich dafür. Boot und Crew seien am nächsten Morgen abfahrbereit. Wir müssen aber in ein anderes Dorf zum Übernachten, wo er das Dorfoberhaupt persönlich kenne. Hier sei die Stimmung nicht gut zurzeit.

Im anderen Dorf angekommen, sehe ich, dass meine Harpune zum Fischen geladen im Boot liegt. Ich lege meine Harpune aus Sicherheitsgründen nie geladen ins Boot.

Eskalation

Die Ebbe kommt. Das Boot ist so platziert, dass er für viele Stunden nicht wegfahren kann. Ich inspiziere das Boot. Ein faustgrosses Loch ist im Boden – ganz klar von Menschenhand in den Bootsboden gehackt.

Jetzt fange ich an, Schlimmeres zu befürchten. Doch im Haus des Dorfoberhaupts sind alle friedlich und fröhlich. Uns wird Kaffee und Essen serviert.

„Natürlich können wir das Loch reparieren, alles kein Problem. Mein Sohn kümmert sich darum. Bis dahin leihen wir das Boot eines Freundes aus, und setzen die Erkundung damit fort. Bis zur Rückreise ist unser Boot dann sicher repariert.“, meint der Kapitän in einem Ton aus völliger Problemlosigkeit.

Was soll ich tun? Abbrechen? Weil es schon Abend ist, beschliesse ich, eine Nacht drüber zu schlafen.

Am anderen Morgen wartet der Sohn am Pier, sturzbetrunken. Er scheint sich kaum unter Kontrolle zu haben. Plötzlich prügelt er auf ein Crew-Mitglied ein. Sein älterer Bruder zückt einen Speer und schreit ihn an: „Wie kannst du unsere Familienehre so in den Dreck ziehen?“ Die zwei stehen sich gegenüber.

Mittlerweile sind beide bewaffnet. Speer gegen Machete. 

Zum Glück passiert nichts. Niemand will den anderen körperlich schwer verletzen. Der Sohn schreit mir nach: „Du Sauhund, du bist schuld, ich kriege dich noch!“ Ich rette mich ins Haus des Dorfoberhaupts.

Hier fühle ich mich sicher. Bis der Sohn den Raum betritt. Er setzt sich. Ich trinke Kaffee. 15 Minuten lang. Der Raum leert sich.

Plötzlich steht er auf und schlägt mich mit der Faust ins Gesicht – gerade genug für eine Platzwunde, aber ohne weitere Verletzungen.

Der Schlag ist geplant. Er ist Boxer. Es ist eine Warnung, die ich ernst nehme.

Den Ehrverlust loswerden

Weil alles im Haus des Dorfchefs geschah, ist klar, hier kann ich niemandem vertrauen.

Ich erkenne aber auch, dass mir niemand etwas Schlechtes will. Man will mich nur so schnell wie möglich loswerden, damit die Ursache des Ehrverlusts verschwunden ist. Damit die Familie zur Ruhe kommt, und wieder Frieden im Dorf einkehrt.

Ich rede mit dem Kapitän. 

Auf keinen Fall will ich mit dieser Familie zurück nach Nabire reisen. Wir einigen uns. Ich kann sein (repariertes) Boot benutzen, geführt von zwei Jungen aus dem Dorf. Kapitän und Familie reisen mit dem öffentlichen Schiff über Wasior zurück.

Ich gehe kein Risiko mehr ein. Hier wird die Sache so heiss gegessen, wie sie gekocht wird. Lieber bezahle ich das Geld für die Tickets. Zum Schutz nehme ich ein Crew-Mitglied mit, dem einzigen, bei dem ich noch ein gutes Gefühl habe: Ein ruhiger Mann, der auf dieser Reise kaum je ein Wort geredet hat, den aber alle respektieren.

Ich sehe in seinen Augen, wie beschämt er über diese Situation ist.

Vor der Abfahrt, entschuldigt sich die Crew bei mir für die Umstände. Auch das Dorfoberhaupt und sein Sohn entschuldigen sich im Namen des Dorfes per Handschlag bei mir. Ich solle das nächste Mal meine Reise besser über das Dorf organisieren und diese Crew vergessen.

Geschäft geht vor – auch nach dem Faustschlag.

Nach einer langen Fahrt bin ich endlich wieder sicher zurück in Nabire. Ein Freund von mir will sogleich die Polizei ins Haus der Crew schicken, was ich nachdrücklich verneine. Auf keinen Fall will ich in weitere Probleme hineingezogen werden. Zudem ist die Familie sehr arm. Das entgangene Einkommen als Crew wird ihnen Lehre genug sein.

Ein Verständnisversuch



Was ist in Roon passiert? Die ohnmächtige Mutter, ein bewaffneter Familienzwist, versteckte Drohungen, der Faustschlag.

Der Kapitän hat sich nach meiner Rückkehr telefonisch nochmals entschuldigt, und wieder Familienprobleme als Grund angegeben. Er und seine Frau können nicht miteinander, und der Streit spalte die Familie in zwei Lager.

Gerne würde er nochmal mit mir los, nach meinen Wünschen. Aber ohne seine Frau, die nicht aufs Meer gehöre.

Ich persönlich sehe eher einen überforderten Mann mit Alkoholproblemen, der von seiner Schuld abwenden will.

Bezeichnend ist, dass zuletzt niemandem etwas passiert ist. Es waren alles Scheinkämpfe. Auch der Faustschlag: Beängstigend, doch zuletzt „nur“ eine aufgesprungene Lippe.

Ich wurde zwischen Gesichtsverlust, Familienzwist, und der Suche nach einem Schuldigen aufgerieben und benutzt.

Die Region wäre wunderschön und abwechslungsreich, die Riffe traumhaft, es gäbe an Land viel zu sehen. Auch die Locals sind zumeist freundlich. Viele hatten Mitgefühl mit mir, wollten sich aber in einen möglicherweise gefährlichen Streit nicht einmischen.

Auch in der Apotheke wurde ich gratis verarztet. Vermutlich waren auch die Behörden nicht glücklich über die fehlende Anmeldung am ersten Tag.

Normalerweise trinkt man hier gemeinsam Kaffee, verschenkt Zigaretten, und lernt sich kennen, bevor man die Reise beginnt. Das unerlaubte Campieren war ein Fehler. Genauso wie das zählen auf die mündliche Erlaubnis der Locals.

Als Beispiel, wie aus einem kleinen Malheur ein gefährlicher Vorfall werden kann, wird mir das Erlebnis immer in Erinnerung bleiben. Damit mir so etwas nie wieder passiert.

Papua ist der wilde Osten Indonesiens. Die Gewaltbereitschaft ist höher. Bei Problemen muss man sich oft selber helfen. Kommunikationsfehler und Missverständnisse können schnell Probleme bringen. Hinter dem ruhigen, beinahe stoischen Temperament steckt auch ein grosses Aggressionspotential.

Der Vorfall in Roon war aber bis jetzt das einzige Mal, wo ich mich auf Papua nicht mehr sicher gefühlt habe. Die meisten Locals auf meinen Reisen waren freundlich, begeisterungsfähig, neugierig, zuvorkommend – und eigenwillig.

Papua muss man nehmen, wie es ist: wild, abenteuerlich und zuletzt auch wohlgesinnt und paradiesisch.

Dabei wäre Cendrawasih so eine schöne Region

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