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Interview: Wie ist die aktuelle Lage vor Ort in Lombok?

von Melissa Schumacher

Interview mit Fiona Treiber 

Fiona war gerade vor Ort in Lombok. Die Familie ihres Mannes kommt aus dem Norden von Lombok. Wir haben ihr ein paar Fragen zur aktuellen Situation vor Ort gestellt.

Wo waren du und dein Mann Opik zum Zeitpunkt des Erdbebens? 

Zum Zeitpunkt des Erdbebens auf Lombok bin ich in Deutschland gewesen, mein Mann Opik war im Haus seiner Schwester als die Erde bebte. Er und seine Familie stammen aus der Region Tanjung im Nord-Westen von Lombok, nicht weit entfernt von den Gili Inseln.

Gott sei Dank, sind er und seine Familie unversehrt geblieben, doch all ihre Häuser sind komplett zerstört worden – inklusive unseres eigenen Hauses, welches wir erst ein halbes Jahr zuvor renoviert und über Airbnb vermietet haben.

Eigentlich hatten Opik und ich geplant Mitte Oktober gemeinsam nach Deutschland zu kommen, doch durch das Erdbeben hat sich alles verändert.

Am 27.08.18, drei Wochen nach dem ersten großen Beben, landete ich zunächst auf Bali. Seit dem 07.10.18 bin ich wieder zurück in Deutschland. In der Zeit vor Ort habe ich hauptsächlich in Opiks Heimatdorf in Rangsot mit Opiks Familie gelebt.

Opik und ich haben in dieser Zeit in einem Zelt gewohnt, welches ich von Deutschland mitgebracht habe.

Unser Zelt zwischen den Trümmern

Unser Zelt zwischen den Trümmern

Mithilfe unserer kleinen Spendenkampagne konnten wir ein paar Hilfslieferungen für die Bewohner von Rangsot organisieren. Wir haben verschiedene Dinge von den Spenden gekauft, die Opiks Familie zum Leben und dem Wiederaufbau der Häuser dienen.

Außerdem haben wir zwischen den Trümmern unsere indonesische Hochzeit gefeiert und natürlich auch ein wenig gemeinsame Zeit verbracht.

Hilfslieferung an die Bewohner von Rangsot

Hilfslieferung an die Bewohner von Rangsot

Der Medientrubel rund um Lombok hat abgenommen. Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Die Orte neben den Hauptadern erhalten wesentlich mehr Hilfe, als Dörfer in den abgelegenen Regionen – so auch das Dorf Rangsot, in dem mein Mann und seine Familie leben.

Auf dem Weg von Pemenang nach Mataram über Pusuk sind bereits neue Siedlungen zu sehen. Dort wurden viele neue Häuser aus Aluminium und Gipsplatten gebaut.

In den abgelegenen Dörfern sind die Menschen eher auf sich selbst gestellt und fällen Bäume, um sich neue Häuser zu bauen. Dort entstehen immer mehr kleine Holzhäuser zwischen dem Geröll, die an vergangene Zeiten dieser Region erinnern.

Seit ein paar Wochen gehen die Kinder von Rangsot wieder zur Schule. Es wurde eine neue Schule aus Bambus erstellt. Die Überbleibsel der alten Schule „stehen“ noch unverändert seit dem Erdbeben. Manche Teile der Gebäude hängen an einem seidenen Faden und könnten jederzeit auf die Straße fallen.

Die Moschee des Dorfes wurde abgerissen, dort befindet sich jetzt ein leeres Plateau.

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Die alte Schule in Rangsot

Das leere Plateau auf dem mal die Moschee des Dorfes stand, im Vordergrund die Trümmer des Hauses von Opiks Schwester.

Das leere Plateau auf dem mal die Moschee des Dorfes stand, im Vordergrund die Trümmer des Hauses von Opiks Schwester.

Jokowi, der indonesische Präsident, hat bis zu 50.000.000 Rupiah (ca. 2.800 Euro) für jedes zerstörte Haus versprochen und hat Nord-Lombok seit dem Erdbeben bereits drei Mal besucht. Aber bis heute ist unklar, wann das Geld ausgezahlt wird.

Auch das indonesische Verkehrsministerium hatte vor einem Monat Geld gespendet, um 50 Häuser in Nord-Lombok aufzubauen. Seit einem Monat ist erst ein Haus halbfertig. Am 13. Oktober war der Minister vor Ort und war ziemlich enttäuscht über die Arbeit seiner Leute. Das Team Gotong Royong Pemenang Bersatu unterstützt das Vorhaben jetzt. Das Team besteht mittlerweile aus 400 Leuten, die alle tagtäglich ehrenamtlich arbeiten. Die deutsche NGO Futura Indonesia unterstützt die Freiwilligen finanziell. Von 30 temporären Wohnungen, für die sie Geld zur Verfügung gestellt haben, sind bereits 28 fertig.

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Ein neues Dach über dem Kopf für diese Familie

Auf Gili Trawangan sieht es den Umständen entsprechend (erstaunlicherweise) wieder voll und belebt aus. Es kommen immer mehr Schnellboote von Bali an. Täglich verlassen viele Touristen die Boote über eine Leiter direkt an den weißen Strand – ein gewohntes Bild, so wie man die Gilis vor dem Erdbeben kannte. Hier scheint die Normalität wieder eingekehrt zu sein.

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Auf den Gilis scheint wieder Normalität eingekehrt zu sein

Was wird am meisten vor Ort gebraucht?

Es werden nach wie vor Grundnahrungsmittel wie Reis, Trinkwasser oder Öl gebraucht, da viele Menschen ihrer gewohnten Arbeit noch nicht wieder nachgehen und sich dadurch nicht selbst versorgen können. Sie sind auf die Hilfelieferungen angewiesen, die jedoch in letzter Zeit nachgelassen haben.

Aber natürlich benötigen die Menschen auch Material für ihre Häuser – vor allem, da die Regensaison vor der Tür steht. Vor allem mit dem Hintergrund, dass die staatlichen Hilfeleistungen nur sehr langsam umgesetzt werden.

Neben dem o.g. Gotong Royong unterstützt auch das Team des Dream Catcher Camp die Menschen ohne Dach über dem Kopf mit selbstgebauten transportablen Bambus-Hütten. Über die Facebookseite des Dream Catcher Camp kannst du ihnen bei ihrem Vorhaben folgen. Mit einer Spende von 200 Euro kann eine neue Hütte gebaut werden.

LesetippErdbeben Lombok 2018: So kannst du helfen

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Die provisorischen Häuser für die Erdbebenopfer von den Helfern des Dream Catcher Camp

Die Erde bebt weiterhin. Sind die Menschen traumatisiert? Glauben sie, dass die Beben einen religiösen Hintergrund haben? Herrscht Angst vor einem erneuten großen Beben?

Natürlich sind die Menschen traumatisiert. Sie haben Angst sich in geschlossenen Gebäuden aufzuhalten. Selbst in Gegenden, wo es kaum Zerstörung gab, schlafen die Menschen immer noch in Zelten anstatt in ihren Häusern.

Keiner möchte mehr ein Haus aus Stein und Beton haben. Alle Häuser, die neu aufgebaut werden, haben höchstens eine halb-hohe Mauer.

Es freut mich, dass du nach dem spirituellen Glauben, der hinter den Ereignissen steckt, fragst. In Indonesien ist der Glaube am Übersinnlichem noch stark verankert. Nach den Beben gab es mehrere Fälle, wo Menschen auf Lombok in Trance fielen und davon sprachen, der Vulkan Rinjani zu sein. Sie forderten in ihrem Trancezustand, dass der Ort gereinigt werden muss.

In der Hauptsaison haben unglaublich viele Touristen den Mount Rinjani bestiegen. Ich selbst bin noch nicht auf dem Berg gewesen, obwohl ich schon seit sechs Jahren viel Zeit auf Lombok verbringe, daher kann ich nur davon sprechen was mir andere erzählen. Allein von Erzählungen anderer habe ich viel Respekt vor dem Aufstieg. Scheinbar gibt es auf dem Weg zum Gipfel keine Sanitäranlagen und auch keine Müllentsorgung. Wer Indonesien oder andere Länder in Südostasien kennt, weiß, dass der Müll dort liegen bleibt, wo er entsteht.

Doch der Rinjani gilt bei den Einheimischen als äußerst heilig. Die Einheimischen glauben, dass die Beben eine Warnung des Vulkans Rinjani waren, auch weil sich der Berg im Norden der Insel befindet und die Zentren der Beben fast ausschließlich im Norden der Insel statt gefunden haben. Aufgrund dessen wurde der Berg von spirituellen Oberhäuptern gereinigt. Und es wird kein Tourist mehr auf den Gipfel gelassen.

Momentan wirkt es jedoch nicht so, als hätten die Menschen vor einem weiteren großen Beben Angst. Doch das Ereignis in Sulawesi hat die Menschen auf Lombok sehr mitgenommen, da sie ja selbst zuvor Ähnliches erlebt haben.

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Das traurige Bild vom Rinjani

Wie ist ansonsten die „Stimmung“ vor Ort?

Die Einheimischen haben sich mit den Umständen arrangiert. Das Leben geht weiter. Die Menschen haben viel zu alten Gewohnheiten zurückgefunden, wie z.B. den Gebrauch eines erhöhten Tonkruges als multifunktionale Wasserquelle zum Hände waschen, auf Toilette gehen oder der Reinigung vor dem Beten.

Immer wieder wird davon gesprochen, dass sich momentan alle auf einem Level befinden – egal ob reich oder arm.

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Auch die Touristen scheinen keine Angst mehr zu haben. Auf Gili Trawangan wirkt es so, als würde alles bald wieder beim Normalzustand angelangt sein.

Auf meiner Hinreise habe ich mich mit meinem Sitznachbarn im Flugzeug unterhalten und habe ihn gefragt, ob er Angst habe, nach Bali zu reisen. Seine Antwort war, dass es ihm bewusst sei, dass er in ein Erdbebengebiet reist und dass jederzeit ein Beben stattfinden kann.

Eine Freundin, die auf Trawangan lebt, hat die Erfahrung gemacht, dass manche Touristen noch nicht einmal von dem Beben wussten und sich gewundert haben, warum die Insel so leer ist. Unglaublich!

Wenn ich auf Trawangen in einem meiner Lieblingscafés vor meinem Computer sitze und nach draußen schaue, wirkt es fast so, als wäre nie etwas passiert. Das einzig Ungewohnte ist, dass ab und zu ein Auto vorbei fährt, welche die Aufräumarbeiten unterstützen. Normalerweise sind motorbetriebene Fahrzeuge auf den Gilis nicht erlaubt.

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Jene Bilder erinnern an die schlimmen Erdbeben von August

Wer hilft eigentlich vor Ort und wie können unsere Leser helfen?

Es gibt erstaunlich viel Hilfe von den verschiedensten Organisationen, die aber auch gebraucht wird, da die staatliche Hilfe nicht besonders groß ist. Beispielsweise haben die staatlichen Hilfslieferungen von Lebensmitteln bereits drei Wochen nach dem ersten Beben aufgehört.

Es gibt viele Touristen, die das Beben miterlebt haben und sich danach dazu entschieden haben, zu bleiben und die jetzt mit ihren Spendenkampagnen helfen.

Verschiedene Tauchschulen oder andere von „Westlern“ geführte Unternehmen auf Lombok haben ähnliche Kampagnen ins Leben gerufen, u.a. die Pituq Foundation.

Mittlerweile befinden sich beispielsweise 51 Häuser in Rangsot im Aufbau, die von einer ausländischen Organisation gespendet wurden.

Es gibt viele Organisation die gute Hilfe vor Ort leisten. Eine gute Liste an empfehlenswerten NGOs findest du hier. Sucht euch die aus, die euch am ehesten zusagt.

Ich hoffe, ich konnte ein paar wertvolle Informationen weiter geben, auch wenn das Ereignis auf Lombok mittlerweile weit im Schatten des Ereignisses von Sulawesi steht. Aber ich denke, für all die diejenigen, die nach Lombok reisen, sind es dennoch interessante Infos.

Interviewpartner: Fiona Treiber

Über die Interviewpartnerin

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Hallo, ich bin Fiona, vor sechs Jahren habe ich meinen Mann auf Gili Trawangan kennen gelernt, reise seitdem regelmäßig nach Indonesien und habe in der Vergangenheit die meiste Zeit in Indonesien auf Gili T. verbracht. Ich bin Bachelor of Arts in Innenarchitektur und Yogalehrerin. Anfang 2018 habe ich meine eigene Website und Blog www.theyogadesigner.com ins Leben gerufen. In Zukunft möchte ich Yogaretreats nach Bali und Lombok anbieten. Mein Mann Opik und ich arbeiten außerdem an unserem Traum eigene Ferienhäuser inklusive eines Yogastudios auf Lombok zu errichten.

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