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Indonesien im Wandel: Zwischen Tradition, Religion und Tourismus

von Melissa Schumacher

Ein Beitrag von Julia Romas

Es ist nicht auszuschließen, dass die Globalisierung für Indonesien positive Entwicklungen gebracht hat. Der Tourismus bieten vielen Familien eine gute Einnahme. Doch durch die Touristen, die großen Wert auf Luxus setzen, geht der Zauber Indonesiens verloren. Denn Indonesien ist nicht Luxus, Sauberkeit, Infinitypool und Party. Wir werfen einen kritischen Blick auf das heutige Indonesien – zwischen Tradition und Tourismus.

Gläubiger in traditioneller Tracht

Auf meiner Reise durch Indonesien, ein Staat mit über 13.677 Inseln, von denen 930 unbewohnt sind, begleitete mich das Buch „Fliegen ohne Flügel“, geschrieben von Terazzani, einem italienischen Journalisten und Asien-Korrespondenten des stern Verlages.

Seine Erfahrungen und Eindrücke inspirierten mich dazu, einen Blick auf die Verwestlichung, die Traditionen und den Einfluss der Digitalisierung auf das Land zu werfen.

Indonesien, ein Land, in dem die Spannung zwischen Tradition und Moderne kaum zu übersehen ist. Ein Land, dem die Verwestlichung von Bräuchen, Politik und Handel mehr schadet als beglückt und die Jugend im Zwiespalt zwischen Tradition und Bildung steht. Meine Eindrücke behandeln die Konflikte aus meiner persönlichen Erfahrung und Ansicht.

Zwischen Surfbrettern, Kleiderständen und Tempeln

Wäscherei

„Der Himmel ist ein zweites Bali“

lautet ein indonesisches Sprichwort.

Davon wollte ich mich zu Beginn meiner Reise selber überzeugen und gab mich der von der Welle des Tourismus überschwemmten Inseln hin.  In der Geschichte Balis gab es Vulkankatastrophen, Invasionen, Massaker und Massenselbstmorde – und doch pflanzt der Verkehrspolizist in der versmogten Hauptstadt Denpansar in seiner Wache eine Blume.

Selbst die Masse an blonden Australiern, deren kleine Welt sich zwischen Surfbrettern, perfekt blondierten Haaren und Motorrädern dreht, scheinen die letzten Ecken der äußert liebevollen und herzlichen Kultur zu akzeptieren.

Abseits vom Trubel, weit weg von großen Hotelanlagen und Shops kann man beim Vorbeifahren mit dem Roller Familien beim Kochen zusehen, die einem herzlich zuwinken. Man sieht Kinder, die mit den selbstgefertigten Holzschnitzereien vom Vater spielen, Mädchen, die zu Ehren der hinduistischen Götter den kleinen Tempel vor dem Haus neu schmücken.

Auf der Insel scheint jeder Tag einer andern Gottheit gewidmet zu sein. Die Götter zu unterhalten, hält die Menschen beim Leben. Nicht nur die buddhistischen Heiligen, auch die hinduistischen wie Shiva, Brahma und Vishnu werden geehrt. Auch christliche Heilige werden gepriesen und auch der Islam und der muslimische Glaube findet seinen Platz. Keine Religion wird ausgeschlossen.

Frau flechtet Körbe_Opfergabe_Götter

Auf der Durchfahrt zwischen zahlreichen kleinen Dörfern in der Nähe von Ubud hatte ich das große Glück, ein Teil des wichtigsten  Festes des Hinduismus zu werden, dem Galungan. Der Galungan ist ein balinesisches Fest zu Ehren der Gottheiten. Das Fest markiert das Ankommen der Götter sowie der Verstorbenen auf der Erde. Bereits Wochen vor Beginn diese Festes kaufen die Frauen der balinesischen Familien Dekorationen für die Zeremonien zu kaufen, es werden bunte Reiskuchen gebacken und Räucherstäbchen auf Vorrat gekauft. Vor jedem Haus sieht man ein riesigen Bambusmast, verziert mit bunten Dekorationen aus getrockneten Bambusblättern und Blumen. An jedem dieser Stäbe befinden sich kleine Tempel, an denen die Bewohner des Hauses Essen, Geldscheine und Stoffstücken den Ahnen und Götter zu Verfügung stellen. Natürlich werden Gaben wie Zigaretten und Bier nicht außen vor gelassen. Je größer und prachtvoller der Bambusmast ist, desto mehr wird das Ansehen im Dorf gesteigert.

Zu jeder Stunde wird ein kleine Schale aus Bambusblättern vor den Hauseingang gestellt, als Schutz vor den bösen Geistern. Es kann dann natürlich passieren, dass man auf einem Spaziergang über eins der kleine Schalen stolpert und die bösen Blicke der Indonesier auf sich zieht. Die blöden Touristen.

Kuningan_VerabschiedungderAhnen Kuningan_VerabschiedungderAhnen Kuningan_VerabschiedungderAhnen

Männer tragen gewickelte weiße Sarongs mit scharlachroten, grünen oder goldenen Verzierungen. Oft begeben sich die Familien auf eine Rundreise zu den anderen Familien der Insel. Sind nach den etwa zehn tagen alle Familienmitglieder gesättigt und die Ahnen geehrt, herrscht wieder Harmonie und Ruhe im Dorf. Die Menschen lachen und es werden verschiedene Glockeninstrumente (Gamelan) gespielt. Die Familien versammeln sich aus allen Ecken um die Verabschiedung der Ahnen und Götter zu ehren, der Tag des Kuningan. Die hinduistischen Tempel sind dann nicht mehr für Touristen geöffnet und überfüllt mit bunt gekleideten Gläubigen, singenden Kindern und einer Duftwolke aus Räucherstäbchen.

Mystische Religionen

Ubud_Gartenarbeit

Die Bevölkerung Indonesiens ist das Resultat einer Verschmelzung verschiedener Völker, die sich in mehreren aufeinanderfolgenden Einwanderungswellen von Zentralasien sowie Südchina auf den indonesischen Inseln ausbreiteten.

Auf Bali sind 93% der Einwohner Hindus. Diese waren jedoch nicht die Ureinwohner der Insel, sondern die sogenannten Bali Aga, die noch immer einige Dörfer Balis bewohnen. Diese Religionsgruppe lebt nach den Regeln des Animismus, einer Naturreligion. Man glaubt an die Beseeltheit aller Dinge und lebt in einer Art Kommune, die sich mit Handwerk und Landwirtschaft sowie Kunst versorgt. Es ist streng verboten, einen Fremden, der nicht aus dem Dorf stammt, zu heiraten.

Ganz im Gegenteil sieht es auf der Nachbarinsel  Lombok aus. Dort besteht die Bevölkerung (ca. 3,17 Mio.) aus 85% der Sasak und nur 15% Balinesen, Chinesen und Arabern. Das Volk der Sasak glaubt an die Wetu-Telu-Religion, eine Mischreligion aus dem Hinduismus, Islam, Animismus und der Ahnenverehrung. Der Großteil der Bevölkerung ist jedoch sehr muslimisch geprägt.  Heute sind offiziell über 90% der Inselbewohner Lomboks orthodoxe Moslems und Anhänger des Waktu-Lima-Glauben. Dieser Glauben bezieht sich auf die fünf „Säulen des Islams“, die von allen Gläubigen auf Lombok gelebt werden. Dazu gehört der Glaube an Allah und seinen Propheten Mohammed, das beten der Pflichtgebete, der Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka und die Pflichtalmosen, die nach dem Ramadan abgegeben werden müssen. Durch die Missionierung Lomboks entstand eine selektive und tolerierte Mischreligion, die Wete-Telu, die jedoch bis heute nicht als Religion anerkannt wurde.

Trotz der ganzen Harmonie und dem Eindruck, alle Religionen würden sich tolerieren, sah ich auf der Insel Lombok, wie muslimische Jugendliche die Zeremonie der Hindus durch Pöbelei und Lärm zu stören versuchten. Schwarz gekleidet, mit Rollern gewappnet, hupten die Banden wie verrückt die Wanderzeremonien der Gläubigen an. Ein Machtspiel zwischen zwei Religionen? Vielleicht erkennt man doch zwischen der ganzen bunten Tradition, Religion und Erziehung einen Zwiespalt der Bevölkerung. Und beim genaueren Betrachten erkannte man die zerstörerische Wut der Verwestlichung.

Wenn mich Freunde fragen, ob mir Bali, die Metropole aller Touristen, gefallen hat, antworte ich immer sehr unentschlossen. Die ersten Tage verbrachten wir abseits von Kuta, in einem kleinen Viertel names Canggu. Zwar hatte man nicht die volle Dröhnung australischer Charts und hippen Teenies vor sich, jedoch eher die alternative Masse der „individuellen“ Australier: Blonde Lockenmähne, Sixpack und Surfbretter. Jedes Cafe oder jede Bar wurde von einer australischen Familie geleitet, es tummelten sich überall Yogafanatiker und Hippiemädchen. An jeder Ecke konnte man die neusten Trends aus Boutiquen kaufen und Avocadoshake trinken. Nach zwei Tagen wurde mir bewusst, was auf dieser Seite Balis geschehen ist.

Die eins leuchtende Flamme der traditionellen Balinesen wurde mit der Haube der Verwestlichung und der Globalisierung erloschen.

Zwischen Verwestlichung und Tradition

Opfergaben_Götter_Haustempel

Doch was versteht man unter Verwestlichung? Unter der Verwestlichung eines Landes versteht man gesellschaftliche Prozesse, indem die Bevölkerung Verhaltensweisen, Ideen und Strukturen der Wirtschaft und Politik der westlichen Welt übernimmt. Dazu gehören westliche Traditionen, Ideale und Ideologien sowie Konsumgüter, Trends und Mode.

Zwar bietet die westliche Welt Ideale wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Individualismus und Toleranz, die auch für jeden Menschen frei zugänglich sein sollen, ebenso aber auch eine Wertevorstellung, die nicht zu jedem Land passen kann. Die kapitalistische Marktwirtschaft, das Streben nach Gewinn im kontinuierlich, rationalen kapitalistischen Betrieb (so Max Weber) ist halt leider in vielen Ländern und Schichten das einzige Ziel zum Glück – und die wichtigen Dinge wie Familie, Religion und Tradition werden vernachlässigt.

Traditionelles_Dorf_Frau_Flechten

Nach Karl Marx hat diese klassische Ökonomie zwei Seiten. Auf der einen Seite bekommt der Kapitalist immer mehr Kapital und auf der anderen Seite der Arbeiter immer mehr Elend. Und genau daraus erschließt sich der ewige Teufelskreis, da die Lohnarbeiter stets gezwungen sind, ihre Kraft und Arbeit den Kapitalisten verkaufen zu müssen. Ein gutes Beispiel hierfür ist eine kleine australische Frühstücksbar in Canggu. Die indonesischen Jugendlichen, die aus Jakarta geflüchtet sind um den Traum auf der Insel von Bali kennen zu lernen, arbeiten umgerechnet für einen Stundenlohn von 2,80 Euro. Auch Eric, ein Javanese, der sich gerade seinen kleinen Lohn auf Bali verdient, erzähle uns von dem großen Traum, ein freies Leben zu leben. Das Studium in Jakarta war schlichtweg zu teuer. Er arbeitet gerade halbtags in der Bar und lebt mit seinen Freunden in einer Wohngemeinschaft. Nachmittags geht er surfen oder in die Clubs feiern. Wie die Zukunft sein wird, dass weiß er nicht. Gerade ist er glücklich.

Die Sache mit der Schule

Kinderlachen

Das man in Indonesien die Grundschule besucht, ist für viele Kinder ein Privileg. Zwar finanziert der Staat die Grundschulausbildung, jedoch fallen für die Anschaffung von Schulmaterial und Schuluniformen große Kosten an. So entscheiden sich viele Eltern dafür ihre Kindern von klein an  in den familiären Betrieb einzuarbeiten,  um so das Haushaltseinkommen der Familie aufzubessern. Das wesentliche Problem sind vor allem die große Kluft zwischen Arm und Reich, die Einkommensunterschiede, die vor allem den ärmeren Bevölkerungsgruppen erschweren, ihre Kinder auf eine Schule zu schicken, sowie die weiterhin sehr hohe Geburtsrate, die zu dem Mangel an Bildungsmöglichkeiten beiträgt.

Laut der Umfrage des BAPPENAS 2004 ist die Anzahl der Schüler auf Java zwischen 13-15 Jährigen bei 94% der Schulbesucher währen auf anderen Inseln wie Süd-Sulawesi die bei prozentuale Anzahl der Schüler 68%  der Gesamtbevölkerung der Insel beträgt.

Zwar wurde die Hochschulstruktur seit den 1960er Jahren erheblich aufgebessert, trotzdem machen nur 4% der gesamten Bevölkerung Akademiker aus. Auch die Finanzierung der staatlichen Universitäten hat sich in den letzten Jahren verbessert – was im Endeffekt zum Nachteil der Hochschulangestellten wurde. Die Gehälter der Angestellten sind im internationalen Vergleich deutlich niedriger was zur Folge hat, dass viele Angestellte der Hochschulen noch einer weiteren Beschäftigung nachgehen müssen.

Wann die Globalisierung begann

Moneychanger_Kontrast

Die Globalisierung Indonesien beginnt nach einer langen Vorgeschichte der Regierungszustände und politischen Ereignissen in Indonesien.  Um die Vorgänge und die Wandlung des Landes besser verstehen zu können, ist ein Überblick über die Geschichte Indonesiens notwendig. Mehr dazu findet ihr in dem Reisebegleiter von Stefan Loose – Bali / Lombok.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich Bali zu einem Ort des Massentourismus. Die ersten Touristen tauchten 1930 auf, darunter auch viele Anthropologen und Künstler, die den Zauber Indonesiens nicht entkommen konnten. Durch die Kolonialzeit und den nachfolgenden blutigen Unruhen war Bali in höchstem Maße verunreinigt worden. 

Ab 1980 entwickelte sich vor allem die Insel Bali wieder zu einem beliebten Reiseziel. Der Bauboom brach aus, viele Indonesier spürten eine Verbesserung des Lebensstandards durch den Tourismus. Der Massentourismus brachte jedoch vor allem negative Auswirkungen. So entwickelte sich in Kuta eine Touristenhochburg, wo australische Urlauber zwischen Bars, Bordells und Alkohol die Achtung vor Tradition und Religion komplett verlieren.  Die Balinesen versuchen diese Show mit Gelassenheit anzuerkennen, jedoch ist diese Auswirkung des Tourismus für viele muslimischen Gläubige nicht mit der eigenen  Religion zu vereinbaren.

Ubud: Zwischen falschen Handwerk und toten Reisterrassen

Markt_Denpansar

„In Wirklichkeit wird Asien langsam dem Selbstmord überlassen, es folgt einem Entwicklungsmodell, das es sich nicht selber ausgesucht hat, sondern das ihm von dem Konzept des profitdenkend aufgezwungen wurde. Einem Konzept, das heute das Verhalten und die Entwicklung der Einheimischen zu beherrschen scheint. Die Kulturen werden durch neue Verhaltensmuster beiseite gedrängt, eine ungeheure Welle des Materialismus reißt im Augenblick jeden und alles fort.“

Der Tourismus verwandelt Asien (und auch andere Länder) in eine Art Disneyland, wie ein bekannter Journalist namens Terazani schon im Jahre 1998 sagte. Durch diesen Gewerbezweig stirbt der letzte Funke der Identität eines Landes.

Für mich beschreibt dieses Zitat die Insel Bali auf den Punkt. Die Touristenhochburgen wie zum Beispiel Ubud sind übersäht mit verschiedensten handwerklichen Lagern, die sich jedoch nicht traditionell erhalten haben, sondern Zugunsten der Massenindustrie umstrukturiert hatten. Die Straße Jalan Raya Tegalalang führte mich eines Tages zu den bekanntesten Reisfeldern Balis. Die Fotos der Reisfelder, die ich zuvor auf zahlreichen Plakaten und Reiseführer sah, glichen einem Paradies. Auf dem Weg dorthin fuhr ich die besagte Raya Tegalalang runter und war fast geschockt von der Anzahl der verschiedensten Shops, Schnitzereien, Holzwerkstätten und Keramikläden. Diese besagte Künstlerstadt Ubud hat sich in ein Lager des westlichen Handels verwandelt. Es waren keine einzigartigen Unikate zu sehen, jedes Lagerhaus und jeder Laden wiederholte sich zu bis zu 10 mal. Viele Händler aus Europa, die in Deutschland asiatische Möbel verkaufen, suchen nach Handelspartnern – genau auf dieser Straße. Von Handwerkstradition keine Spur.

An den Reisfeldern von Tegalalang angekommen empfing mich ein Monument von verschiedenen Bars und Restaurants, die entlang der Reisfelder gebaut wurden. Von kleinen Dörfern und Reisbauern keine Spur. Um die Reisfelder zu besichtigen musste man jede 30 Meter eine Spende an die Götter abgeben. Ich suchte vergeblich nach landwirtschaftlicher Arbeit. Ein alter indonesischer älterer Herr begrüßte mich winkend mit einem Strohhut und ermutigte mich, ein Foto von sich zu schießen. Ich lehnte dankend ab. Eine Touristenattraktion.

Überall liefen chinesische Touristen auf Stöckelschuhen durch die verschiedenen Gassen der modernen Restaurantstadt und mir wurde schlecht bei diesem Anblick. Wo ist der Ursprung geblieben?

Enttäuscht fuhr ich zurück nach Ubud, wo ich eine Unterkunft in einem Homestay der Familie Praety fand. Die Familie Praety  eröffnete vor paar Jahren etwas abseits von Ubuds Zentrum ihr eigenes Homestay. Jeden morgen wurde man mit einem himmlischen Frühstück begrüßt und die beiden kleinen Söhne der Gastmutter spielten auf der Veranda mit ihren Spielzeugautos. Selten habe ich so glückliche Kinder gesehen.

Homestay_Familie Praety_KindMan wurde ein Teil der Familie und konnte bei Zeremonien und Opfergaben für die Götter zuschauen. Abends saß die ganze Familie vor dem Fernseher und schaute sich  amerikanische Serien an.

„Diese Familien in den Serien sind so toll, schlau und modern. Die Klamotten, die sie tragen sind auch bewundernswert. Wenn wir die Serien schauen, lernen wir etwas Englisch dazu“,

erzählte mir meine Gastmutter. Ich hoffe, dass die Familie so bleiben wird, wie ich sie kennen gelernt habe. Denn ein amerikanischer Lifestyle würde der Familie nicht zu gute kommen. Und erneut wurde ich Zeuge des Einflusses der Medien. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass man durch die Unterstützung von Gastfamilien den Menschen etwas gutes tut, viel über die Traditionen und die Lebensweise asiatischer Vorstellung kennenlernt und den Massentourismus nicht so unterstützt, als würde man in einem riesigen Hotelbetonkomplex leben, der aus Platzgründen einige Tempel gekostet hat.

Die Zeit steht still

Doch Ubud wurde nicht nur von neugierigen Touristen aus China niedergetrampelt. Fuhr man mit dem Roller ohne Karte durch die Umgebung, wurde man Zeuge einer ganz anderen moralischen Einstellung und Lebensweise. Ich mache halt ein einem kleinen Streetfoodstand, an dem einige Indonesier eine merkwürdig aussehende Mahlzeit verspeisten. Mit skeptischen Blicken wurde ich empfangen, nach einem Lächeln jedoch anerkannt und bedient. Als ich auf meine Mahlzeit, die mich umgerechnet 30 Cent kostete, wartete, setzte ich mich nebenan vor eine Holzschnitzerei.

Schnitzer_Handwerker_Ubud

Die kleinen Skulpturen, Masken und Abbildungen der Götter waren sorgfältig auf der weißen Wand ausgehangen. Vor dem kleinen Laden saß ein kleiner indonesischer Mann, der diese kleinen Figuren schnitzte. Neben ihm stand ein altes Radio, aus dem rauschende Geräusche in Indonesischer Sprache dröhnten. Der Mann lächelte mir zu und winkte mich herbei und ich durfte seinem Handwerk zuschauen.

Es war faszinierend, mit wie viel Ruhe und Geduld er das kleine Holzstück bearbeitete. Als wäre für ihn die Zeit stehen geblieben und er arbeitete mit einer solchen Leidenschaft, die ich in dem Moment beneidete. Seine Welt drehte sich langsam, wenn er schnitzen wollte, dann schnitzte er, wenn er Hunger hatte, kochte er sich in seiner kleinen Küche etwas zu essen. Der kleine Mann lebte. Und ich schaute wieder auf meine Uhr, denn ich musste weiter. Einige Straßen weiter erlosch wieder der Zauber, den ich in diesem Moment gespürt habe.

Ein chinesischer Tourist mit weißen Socken und Sandalen knipste noch schnell ein Foto von mir.

Der weise Mann im Warung

Silvio, ein gebürtiger Javanese begrüßte mich einige Tage später in seinem kleinen Warung. Den alten Silvio schätze ich etwa auf 75 Jahre. Er machte sich vor zwei Jahren in Ubud selbständig und eröffnete seine kleine Küche. Beim Kochen durfte man teilhaben und zusehen, wie Silvio langsam die verschiedenen Gewürze anfertigte, die Nudeln kochte und das Öl in den Wok goss. Und er machte den ganzen Ablauf mit so viel Gelassenheit und Freude, dass ich kaum meine Augen von seinen Händen legen konnte.

SilvioDas Festmahl schmeckte und füllte den Bauch und Silvio freute sich. Nach dem Essen unterhielten wie uns so gut es ging auf Englisch und ich schrieb einige Sätze in sein Gästebuch rein. Sein Sohn hatte das Glück, auf Java Film und Fotografie zu studieren und darauf sei er sehr stolz.

„Er hat mir sogar sowas namens Facebook angelegt. Das mögen die jungen Leute, erzählt mir mein Sohn. Dadurch würde mein kleines Warung bekannter werden. Ich habe es „Unique“ genannt, bedeutet soviel wie „einzigartig“ auf Englisch, glaube ich“,

erzählte mir Silvio. Warum er Facebook hat, weiß er glaube ich nicht. Ich bin mir sicher, dem Koch würde auch keine persönliche Seite auf Facebook das Geschäft nicht vermiesen. Der Kontrast zwischen Tradition und Digitalisierung war in dieser Situation wie aus einem schlechten Film entnommen. Und Silvio’s Warung kann man wirklich bei Facebook finden: 109 Personen gefällt das.

Auf Lombok traf ich auf eine andere Welt als auf der Insel Bali. Ich hatte das große Glück, bei einer deutschen Auswanderer-Familie leben zu dürfen, in der Nähe des Mount Rinjani, abseits des Tourismus und erlebte das ursprüngliche, wahre Indonesien. Mehr dazu in dem Beitrag: Am Fuße des Rinjani – Ein Paradis abseits des Tourismus.

Rinjani Mountain Garden: Ein Erfahrungsbericht

Die Magie des Reisens

In Indonesien herrscht ein rasanter gesellschaftlicher Wandel, der vor allem durch die damalige Wirtschaftskrise und die ehemalige Diktatur angetrieben wird. Durch die blutige und diktatorische Vergangenheit Indonesiens und die Befreiung aus der Suhato-Diktatur erlebte das Land einen neuen demokratischen Aufschwung.

Mithilfe von Entwicklungsprogrammen und Sonderwirtschaftszonen wie zum Beispiel der Steuererleichterung und modernisierten Arbeitnehmerrechten sollen Investoren angelockt werden. Doch die Schattenseiten der Globalisierung bringt Risiken und soziale Unruhen mit sich. Der Demokratisierungsprozess im Land hat viele Veränderungen auf institutioneller Ebene gebracht, doch der Elitenwechsel konnte noch nicht erreicht werden. Die wichtigsten Mitglieder der Regierung werden immer noch durch ehemalige Funktionsträger bekleidet. Durch die Vorgeschichte der Suhato-Diktatur sind viele Menschen desillusioniert und haben kein Vertrauen in die Regierung, was sich in der sinkenden Wahlbeteiligung widerspiegelt. 

Auch die Natur leidet unter dem massiven Abbau von Kautschuk – und Palmölplantagen. Durch die zunehmende Abholzung der Regenwälder und Waldbränden, die vor allem durch die Holz-, Papier- und Plantageindustrie hervorgerufen wurden, bringt Indonesien in die Position des weltweit größten Verursacher für die globale Klimaerwärmung und die Produktion von Kohlendioxidemission.

Die Traditionen der verschiedenen Religionen widersprechen sich mit der Verwestlichung des Landes. Firmen aus Ländern mit einem niedrigen Lohnniveau drängen auf die einheimischen indonesischen Märkte, wodurch die Preise indirekt gedrückt werden und die Bauern und Kleinunternehmer nicht mit der Geschwindigkeit des Handels umgehen können. Die Kapitalmächte drängen in das Entwicklungsland, wo sie vor allem die einheimischen Strukturen verändern. Klein- und Familienbetriebe werden vom Markt gedrängt und in einem kapitalistischen und materialistischen Prozess gefangen genommen. Zuletzt ist der massive Verlust der eigenen Identität des Landes spürbar. Die agierenden Großkonzerne haben den Indonesiern ein Erscheinungsbild aufgesetzt und gaukeln ein erstrebenswerten Lebensstil vor. Der Lebensstil wird dann auf Konsum und Markenbewusstsein fokussiert – was letztendlich zum Identitätsverlust führen kann.

Es ist nicht auszuschließen, dass die Globalisierung und die Digitalisierung auch positive Entwicklungen Indonesien gebracht hat. Auch der Tourismus bieten vielen Familien eine gute Einnahme. Durch den Massentourismus, den riesigen Hotelanlagen, den Touristen, die großen Wert auf Luxus setzen, geht der Zauber Indonesiens verloren.

Denn Indonesien ist nicht Luxus, Sauberkeit, Infinitypool und Party.

Müllberge

Indonesien ist ein Land mit mehr als tausend Inseln, mit unzähligen Religionen, Kulturen und Völkern. Es ist ein Land ohne korrekte Müllentsorgung, mit Straßenküchen und kleinen Warungs, mit traditionellen Dörfern, in denen die verstorbenen Familienangehörigen in aller Öffentlichkeit verbrannt werden, wo Straßenhunde mit dir spazieren gehen, mit geheimnisvollen kleinen Tempel, die man nur zu Fuß erreichen kann und nicht mit großen Touristenbussen.

Wenn man wirklich will, kann man für einige Zeit ein Teil einer indonesischen Familie werden und an den Zeremonien teilnehmen. Ebenso kann man durch die Reisfelder Lomboks laufen und kein einziger Tourist kommt einem entgegen. Trotz des Umschwunges interessieren sich noch viele Jugendliche für ihre Religion und Glaubenszeremonien. Es ist eine Frage der Einstellung und Wahrnehmung eines Landes, auf welche Art und Weise man dieses erkunden möchte. Das soll jedem selber überlassen sein. Ich reiste selber durch Indonesien, auch als Tourist. Jedoch weiß ich jetzt, dass ich den Familien helfe und diese unterstütze, indem ich in einem ihrer Zimmer nächtige, anstatt in riesigen Hotelmonumenten, die den letzten Zauber des Landes aufsaugen.

Text und Fotos: Julia Romas

Über die Autorin: Julia Romas, freiberufliche Fotografin und Theoretikerin, reiste lange Zeit durch Asien, vor allem in den Ländern Indien, Vietnam, Thailand und Kambodscha.

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