Home Allgemein Rollerfahren ohne Helm auf Bali: Halb so wild – oder leichtsinnig?

Rollerfahren ohne Helm auf Bali: Halb so wild – oder leichtsinnig?

von Melissa Schumacher

Ein Beitrag von Christiane Schnippe von noworneverstories.com 

Chris knallt seinen Kopf gegen die Wand. Ein dumpfes Geräusch hallt durch den Raum. Er fällt zu Boden, wälzt sich vor Schmerz. Dann brüllt er: „Aua, mein Kopf. Hilfe!“

Nach ein paar Minuten steht er auf und meint: „Das war kein Fake. Das mache ich genauso in meiner Helmet-Man-Show vor Grundschülern.“ Eine Show, die kein Spaß ist, sondern ein ernstes Thema in Indonesien anspricht: Rollerfahren ohne Helm.

Ich verfolge Chris‘ Show in seinem Büro. Schaue zu, wie er sich ein zweites Mal den Helm aufsetzt. Diesmal lässt er den Helmverschluss auf. Und schlägt seinen Kopf erneut gegen die Wand. Wieder ein dumpfer Schlag.“ Bevor Chris zu Boden geht, ist der Helm von seinem Kopf geflogen. Er steht auf, reibt sich seinen Kopf.

Normalerweise jubeln ihm jetzt hunderte Schüler zu. Manche weinen. „Es muss echt aussehen“, sagt Chris. „Man kann sechsjährige Grundschüler nicht veräppeln.“

Denkt daran, dass es Klick machen muss“, ist eine seiner Botschaften.

„Wenn der Helm nicht zu ist, bringt er nichts.“ Der Geschäftsmann legt sich voll ins Zeug, um seine Helm-Message rüberzubringen. Mehrmals im Monat tritt er an Schulen auf – ehrenamtlich.

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Der Helmet Man in einer indonesischen Schule in Aktion

„Tragt Helme. Immer. Es rettet euer Leben.“

Sein Auftritt ist noch nicht zu Ende. Denn in Chris‘ Show in der Schule sitzen auch Eltern. Ihnen ruft der Helmet Man auf Indonesisch zu: „Es ist mir egal, wenn ihr sterbt. Aber es ist mir nicht egal, ob eure Kinder sterben, weil sie keinen Helm tragen. Das ist eure Verantwortung.“ Das sitzt.

Chris ist ein Showman, das sagt er selbst über sich. Er schockt, er ist drastisch. Das ist sein Konzept. Ein Konzept, das seit vier Jahren erfolgreich läuft.

Seine Mission: „Tragt Helme. Immer. Es rettet euer Leben.“ Und was er immer wieder predigt: „Ihr könnt neue Zähne kaufen, aber keinen neuen Kopf!

Bisher hat Chris rund 70.000 Kinder erreicht und 12.500 Helme gespendet.

Dennoch überfällt ihn nach jeder Show auch Traurigkeit: „Ich denke immer daran, zu wie vielen der 240 Millionen Einwohner Indonesiens ich noch nicht gesprochen habe. Helm tragen ist wichtiger als Gemüse essen oder Zähne putzen. Hier geht es um Leben und Tod.“

Ich muss zugeben, Chris‘ Show geht auch mir nahe. Täglich sehe ich viele Indonesier und Touristen auf ihren Rollern – ohne Helm.

Helmet_Man_in_Schule

Chris, der Helmet Man

Wir sollten es doch besser wissen

Am nächsten Morgen sitze ich in meinem Stammcafé in Canggu. Ein Roller nach dem anderen hält knatternd an. Es ist coffee time.

Von einem Roller steigt Jan aus Tschechien. Kurze nach hinten gekämmte Haare, lässige Bordshorts, ein Stammgast – ohne Helm.

Ich spreche ihn an, frage ihn, warum er keinen trägt. „Ich wohne nur 200 Meter weg.“ „Glaubst du, dass auf der kurzen Strecke nichts passieren kann“, sage ich.

Er schmunzelt. „Ich fahre langsam. Wenn ich längere Strecken fahre, ziehe ich einen an. Vielleicht ist es auch einfach Faulheit.“

Ich merke, dass Jan meine Frage nachdenklich macht. Dann erzählt er. Von seinem Unfall vor einigen Jahren. Bei 90 Stundenkilometern lief ein Straßenhund in ihn rein. „Ich bin mehrere Meter auf dem Asphalt geschlittert. Damals habe ich einen Helm getragen. Ohne ihn wäre ich heute nicht mehr hier.“

Er hat sich sein Fußgelenk und Schlüsselbein gebrochen. Während er erzählt, wird seine Stimme leiser. Sein Gesichtsausdruck ernst. „Nach dem Unfall war ich ängstlich, aber nach einer Weile habe ich nicht mehr daran gedacht, bin nachlässig geworden.“

Dann sagt er: „Danke, dass du mich gefragt hast. Nächstes Mal, wenn wir uns sehen, trage ich einen Helm.“

Am nächsten Morgen sehe ich ihn wieder im Café – ohne Helm.

Jan: „Ich hatte gehofft, dich nicht hier zu sehen. Das ist mir jetzt peinlich.“

Roller fahren Indonesien

In Indonesien landet man häufig in der Situation: Auf dem Roller ohne Helm – weil keiner vorhanden ist, weil man zu faul ist – oder doch zu cool?

„Einheimische tragen keinen Helm, damit sie sich gegenseitig erkennen“

Nur ein paar Rollerminuten entfernt, der berühmte „shortcut“ von Canggu. Eine beliebte Schlaglochpiste für Touristen und Locals. Schritttempo wäre angebracht. Theoretisch.

Ich habe hier schon fünf Unfälle gesehen. Einer davon: Zwei Mädels mit Bikini und Sonnenbrille auf ihrem Roller – ohne Helm.

Was sie bei einer Geschwindigkeit von 40km/h nicht sehen können: Schotter. Ihr Vorderrad rutscht weg. Ich höre, wie Metall auf Asphalt schleift. Die Ladies landen im Reisfeld. Der Schlamm fängt sie auf. Lucky you!

Viele haben Glück und kommen mit Schürf- und Platzwunden oder Verstauchungen davon. Einige nicht. Sie sterben.

Ein Pärchen, Anfang 30, kommt angefahren. Er fährt, sie sitzt hinten drauf. Seine Locken wehen im Wind, sie trägt einen Hut. Beide sind braungebrannt und lachen, als ich frage, warum sie keinen Helm tragen.

Mike meint: „Wir sind nur kurz unterwegs. Mein Helm hängt hier zwischen meinen Füßen. Den nehme ich, wenn wir längere Ausflüge machen.“

Kurz danach kommen mir zwei bekannte Gesichter entgegen – ohne Helm. Es sind Wayan und seine Frau, die ich aus dem Coworking Space kenne. Wayan winkt mir zu, als er mich sieht. Da er zu schnell fährt, um ihn anzusprechen, stelle ich ihm später die „Warum-kein-Helm-Frage“.

Er sagt: „Hier im Ort ziehen wir keinen Helm an. Das machen wir Einheimischen so, damit wir Freunde, Familie und Nachbarn erkennen. Mit Helm würde ich ja keine Gesichter sehen! Wenn wir aber weiter wegfahren, setzen wir einen auf.“

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Der berühmte Shortcut zwischen Berawa und Canggu

Was wäre, wenn er einen Helm getragen hätte?

Stell dir vor, du bist mit deinem Freund unterwegs. Ihr seid gestern auf Bali angekommen, heute wollt ihr in eurer Lieblingsrestaurant zum Mittagessen fahren, das 300 Meter entfernt liegt.

Der Roller ist so von der Sonne aufgeheizt, dass es dir zu heiß ist, um hinten aufzusteigen. Dein Freund macht Witze, aber du schickst ihn vor und läufst zu Fuß. Es sind ja nur 300 Meter.

Was du nicht weißt: Dein Freund wird nie wieder Witze machen oder mit dir sprechen, weil er die kurze Fahrt auf eurem Roller nicht überlebt.

Er kollidiert mit einem Kleinlaster und hat so schwere innere Verletzungen und Hirnblutungen, dass er vier Tage nach dem Unfall im Krankenhaus stirbt.

Und: Dein Freund hat keinen Helm getragen.

Ungefähr so hat es sich zugetragen vor ein paar Wochen. Glücklicherweise war nicht ich die Freundin. Aber ich war da. An der Unfallstelle. Kurz nach dem Unfall.

Ich habe den Verletzten in die stabile Seitenlage gebracht, bevor er ins Krankenhaus gebracht worden ist. Ein paar Tage später dann die Nachricht: Er hat es nicht geschafft.

Ich habe mir 1000 Fragen gestellt und eine davon war: Was wäre, wenn er einen Helm getragen hätte? Hätte er überlebt?

„Es ist besser, wenn der Verunfallte stirbt“

Ähnlich war es auch beim Helmet Man Chris. Er wird noch heute emotional, wenn er von seinem Unfall vor zehn Jahren erzählt. Er saß auf einem Roller, als ihn ein Taxi von hinten rammte. „Ohne Helm wäre ich gestorben.“ Trotz Helm hat es sehr lange gedauert, bis Chris wieder gesund war.

Chris kommt ursprünglich aus New York, lebt aber seit 19 Jahren in Indonesien, kennt die „Helm-Situation“, wie er sie nennt, sehr gut.

Wenn ein Indonesier ohne Helm auf seinem Roller einen Unfall hat, verliert die gesamte Familie alles. „Es ist besser, wenn der Verunfallte stirbt“, so Chris. Hart, aber wahr, findet er.

„Indonesien ist ein armes Land. Die Menschen haben nicht viel Geld. Wenn sie Operationen und Reha zahlen müssen, bleibt nichts mehr übrig außer Verschuldung“, ist Chris überzeugt.

Er hat schon viele Unfälle gesehen, auch schwere. Weil die Menschen keinen Helm getragen haben. Er konnte irgendwann nicht länger zuschauen. Vor vier Jahren wurde er dann „Helmet Man“.

Chris‘ Satz „Es ist besser, wenn der Verunfallte stirbt“ geht mir durch Mark und Bein. Ich hätte alles darum gegeben, wenn der Verunglückte vor ein paar Wochen überlebt hätte.

Was ich mich bis heute frage „Hätte er jemals wieder sprechen oder laufen können? Oder wäre er sein Leben lang ein Pflegefall geblieben?“ Ich versuche, nicht weiter daran zu denken.

Wasserfester-Rucksack-Bali-Roller

Gehen wir zu leichtfertig mit dem Thema „Helm beim Rollerfahren“ um?

30.000 bis 50.000 Tote pro Jahr

Es gibt keine offiziellen Statistiken, wie viele mit dem Roller in Indonesien jährlich (tödlich) verunglücken. Die Trefferquote auf Google ist riesig, wenn man nach Rollerunfällen in Indonesien sucht.

Chris spricht von 30.000 bis 50.000 Toten pro Jahr. Die Zahlen hat er von einem befreundeten Neurochirugen in Indonesien, der Menschen landesweit behandelt, bei denen es um Leben und Tod geht.

Chris ist sich allerdings sicher, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist.

„Man kann immer sterben, auch beim Surfen“

Ich trinke den letzten Schluck meines Kaffees. Ein stylisch aussehender Typ mit Bart, Pferdeschwanz und Sonnenbrille steigt auf seinen Roller – Emil aus Holland.

Sein Helm klemmt hinten an seinem Scooter. Emil macht keine Anstalten ihn aufzusetzen, als er losfahren will. „Warum ohne Helm?“, frage ich ihn. „Ich wohne um die Ecke“, sagt er. „Und da kann nichts passieren?“ Emil: „Ich mache mir keine Sorgen. Wenn ich längere Strecken fahre, trage ich einen Helm. Und nachts, wenn viele Betrunkene unterwegs sind. Ich habe schon viele Unfälle gesehen und jede Woche kommt in den Nachrichten eine neue Unfallmeldung.“ Bevor ich antworten kann, sagt er: „Im Leben gibt es immer Risiken. Wenn es Zeit zu gehen ist, dann ist es so. Ich habe da keinen Einfluss darauf. Man kann immer sterben, auch beim Surfen. Aber ich finde es gut, dass über das Thema gesprochen wird.“

Auf dem Weg nach Hause fährt vor mir im zügigen Tempo eine Frau auf ihrem Roller – ohne Helm. Wir müssen durch eine enge, steile Straße. Rechts und links geht es bergab. Ich beobachte, wie sie auf den nächsten 250 Metern immer wieder in den rechten Spiegel schaut. Nicht, um zu schauen, ob jemand hinter ihr fährt, sondern um zu sehen, ob ihr Make-Up sitzt.

Als sie an der Hauptstraße anhalten muss, fahre ich neben sie. „Warum trägst du keinen Helm?“ Maria aus Russland antwortet: „Ich wohne seit zwei Jahren hier.“ Ich: „Und das schützt dich vor Unfällen?“ „Ich fahre nur eine kurze Strecke. Für längere Strecken setze ich einen Helm auf“, entgegnet sie.

Mein fragender Gesichtsausdruck scheint Maria zu irritieren. „Und ich fahre langsam“, sagt sie weiter. „Hattest du schon mal einen Unfall, Maria?“, frage ich. „Nur einen“, antwortet sie. „Du kannst dich glücklich schätzen“, entgegne ich, bevor ich mich bedanke und weiterfahre.

Ohne_Helm_fahre_ich_nicht

Ohne Helm steige ich nicht auf den Roller

15 Euro für dein Leben

Ich wünschte, alle würden Helmet Man Chris treffen. Als ich aus Chris‘ Büro gehe, zeigt er auf vier Balinesen auf einem Roller, die an uns vorbeifahren und ruft: “Guck da!“. Die Eltern tragen Helme, die Kinder nicht.

Wir stehen nur ein paar Minuten an der Straße, in der Zeit fahren mindestens fünf Roller vorbei auf denen Kinder ohne Helm sitzen. „Warum tragen die Eltern einen Helm und die Kinder nicht?“, frage ich Chris.

„Naja, die Kinder bekommen keine Strafe, wenn die Polizei sie anhält. Die Eltern hingegen schon.“ Es fehle einfach die Aufklärung, sagt er. Die Polizei klärt über Falschparken auf, nicht jedoch darüber, dass Helme Leben retten.

Und vermutlich ist es auch eine Sache des Geldes. Denn so kleine Kinderköpfe wachsen schnell und demnach müssten die Eltern regelmäßig neue Helme für die Kids kaufen.

Nachdenklich verabschiede ich mich von Chris. Ich bin beeindruckt von seinem Engagement. Momentan sammelt er hier neue Spenden. Sobald er genug hat, um wieder Helme zu kaufen, gibt’s die nächste Helmet-Man-Show. Wenn du Chris unterstützen möchtest, dann schau mal auf Facebook oder Instagram vorbei.

Mein Helm hat 250.000 Rupiah gekostet. Das sind umgerechnet 15 Euro. Sollte das nicht jedem sein Leben wert sein?

Text: Christiane Schnippe von noworneverstories.com 

Über die Autorin

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Chrissi, freie Journalistin, liebt lange Reisen. So oft es geht verbindet sie beides. Kürzlich hat sie auf Bali zum Thema „Plastik-Flut“ recherchiert. Jetzt widmet sie sich ihrem Herzensprojekt „Now or Never – Life Changing Stories“ und erzählt Geschichten von Menschen, die den Mut hatten, ihr Leben zu verändern.

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2 Kommentare

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2 Kommentare

Bernd 26. Mai 2019 - 20:18

Wenn ich mit den Lokals über solche Propaganda spreche lächeln Sie. Einer sagte mir offen wir brauchen solche Bule nicht in unseren Land. Es gibt bestimmt genug zu tun in Ihren eigenen Land. Wir sind intelligent genug um uns zu schützen und Gott steht den guten Menschen bei.Schade das so mancher Propagandist es nicht verstehen was die Menschen damit sagen wollen.

Antworte Bernd
Gerda 25. Mai 2019 - 8:38

Dein Bericht hat mir Gänsehaut gemacht.
Hoffentlich erreichst du damit ganz viele Menschen.

Antworte Gerda

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